Als das Gesetzeswerk über die dynamische Rente beschlossen wurde (Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts), soll der eminente katholische Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning den Bundeskanzler Konrad Adenauer warnend und fordernd darauf aufmerksam gemacht haben, dass in der Rentenformel kein "Kinderfaktor" vorgesehen sei. Das führe dazu, dass jene, die sich nicht – wie Nell-Breuning noch ganz unverstellt formulierte – um die Aufzucht von Kindern kümmern, einen ungerechtfertigten Vorteil erlangen; sie profitierten nämlich später von einer Rente, die von Menschen aufgebracht werden müssen, die sie weder gezeugt, geboren, versorgt noch erzogen haben. Das sagte ihm der alte Kanzler: "Ach wissen Sie, die Kinder kommen doch von ganz alleine."

Das war also ungefähr um 1958. Etwa drei Jahre später aber kam die Antibaby-Pille (unter den hier zu verhandelnden Gesichtspunkten übrigens eine bezeichnende Bezeichnung!) auf den Markt – und damit war Adenauers (im Grunde auch noch Nell-Breunings) Weltbild auf den Kopf gestellt. Denn nun kamen die Kinder eben nicht mehr von ganz alleine, sondern – sofern die potentiellen Eltern nur mit der Pille umgehen konnten (und durften!) – nur noch, wenn (und wann) sie gewollt wurden. Damit war aber den selbstverständlichen Voraussetzungen aller bisherigen Sozialsysteme die Grundlage entzogen. Die demographische Kurve spiegelte nicht mehr das kollektive Schicksal wider, sondern das saldierte Aggregat lauter bewusster individueller Entscheidungen.

Der Gesetzgeber aber hat bisher nirgendwo Konsequenzen gezogen aus dieser grundstürzenden Veränderung. Vielleicht aus folgendem Grunde nicht: Er hätte dann nämlich den Mut haben müssen zu sagen: "Wenn Ihr die Zahl der Kinder zum Gegenstand Eurer individuellen Entscheidung macht, müssen wir Euch mit den kollektiven Konsequenzen Eurer Einzelentscheidungen behaften – und zwar individuell und materiell spürbar!"

Und das ist die eigentliche Bedeutung der Karlsruher Entscheidung: Es gibt eben keine Sozialversicherung ohne soziale Verantwortung! Man kann niemand die individuelle Entscheidung vorschreiben – man kann aber auch niemand die Folgen seiner Entscheidung abnehmen.