Berlin

Es darf gelacht werden. Vielleicht nicht ganz so laut und kickrig, wie es Julia Roberts tat, als sie den Oscar entgegennahm. Aber am Kabinettstisch, so kurz nach dem Wahlsonntag und vor dem Abflug des Kanzlers nach Washington, herrscht diesmal Heiterkeit, da kann man sicher sein. Einerseits.

Andererseits, erzählen die Damen und Herren aus dieser Runde gelegentlich, geht es ziemlich geschäftsmäßig zu, wenn der Kanzler Regie führt. Dann wird nicht fröhlich parliert, fast nie, nur wenn Joschka Fischer den "Boss" vertritt, zieht Lockerheit ein. Gerhard Schröder ist verblüffend schnell an einem Punkt angekommen, den zu erreichen Helmut Kohl erheblich länger gebraucht hat: Er wird als Hausherr voll anerkannt, um das Mindeste zu sagen.

Wie Kohl hat Schröder einen Instinkt für Macht. Kohl allerdings, der die Republik innerlich stets in politische "Lager" (Christdemokraten da, "Sozen" dort) zerlegte, hat die Mitte eher intuitiv erahnt. Schröder hingegen möchte sie auch weiterhin demonstrativ besetzen. Sein Wahlkommentar: "Es wäre verkehrt, traurig zu sein, dass sich aus unserer hart erarbeiteten Position in der Mitte der Gesellschaft mehrere Optionen ergeben."

Nein, mit der süffigen These vom besten Kanzler-Mimen, den es je gab, ist das alles nicht erklärt. In Washington begrüßt George Bush einen Gast aus Berlin, der ziemlich selbstbewusst und auch professionell geworden ist. Helmut Kohl, der Elefant, lernte langsamer. Auf der Machtebene sieht die Welt für Schröder also einigermaßen wohlgeordnet aus. Obwohl, zugegeben, in der Ereignisdemokratie von heute schwer zu prophezeien ist, ob das lange hält. Der Grad öffentlicher - oder jedenfalls medialer - Erregungen ist schon enorm. Scheinwerfer an, Scheinwerfer aus. Kosovo-Krieg, Hessenwahlen mit Unterschriftenkampagne, Philip Holzmann, Kohl-Affäre, Schäuble-Sturz, Sparhaushalt, Steuerreform, Fischers Vergangenheit, BSE-Krise, Stolz, Ökosteuer, Maul- und Klauenseuche: Nichts hängt miteinander zusammen, nichts ist vergleichbar, Wichtiges und Unwichtiges, Reales und Erzwungenes stehen dennoch scheinbar ebenbürtig nebeneinander.

Seine Agenda, das hat Schröder gelernt, wird nicht von "oben" herab dekretiert, oft überlagert das Unvorhergesehene alles andere. Selbst die "dümmste Debatte der Saison", wie die Süddeutsche Zeitung spottet, also die über den deutschen Stolz, kann irgendwann umkippen ins wirksam Politische. Es ist ein ideologiefreier Raum entstanden, was eigentlich wunderbar ist, bloß schützt leider niemand davor, dass dieses Vakuum auch mit trash-talk gefüllt wird.

Die Oberfläche der Republik erscheint hoch nervös. Und Schröder? Der Kanzler lobt, der Kanzler tadelt. Freigang-Verbot für Trittin! Nicht schlecht, aber auch nicht optimal, Joschka, das Foto mit Powell in Washington! Hans, verlass Dich auf mich! Rudolf, keine Mark mehr für die Bundeswehr, jedenfalls nicht jetzt! Mensch, Bodewig, Verkehr weg von der Straße, okay, aber wir hatten "Konsens" gesagt! Im Prinzip richtet sich Schröders Politik vorsichtig nach den Mehrheiten. Und das ist wiederum prinzipiell nicht illegitim, Machtsinn ist erlaubt.