Niemand würde sie für Polizeibeamte halten, sie sind jung, unauffällig, tragen Sportjacken und Jeans. Das ist wichtig für ihre Arbeit. Denn der Gesuchte ist ebenfalls jung, ausgeschlafen, und er weiß, dass man ihm auf der Spur ist, seit ein paar Monaten, hier in Nürnberg. Die beiden Beamten wissen hingegen, dass er den Vormittag gern in Einkaufszentren und Kaufhäusern verbringt, an den Spielkonsolen, in der Regel Playstation oder Nintendo, wo es trocken ist und er sich kostenlos die Zeit vertreiben kann. Im Sommer sind er und seinesgleichen gern in Eisdielen und Parks anzutreffen. Dort suchen die Polizisten ihn, den Schulschwänzer.

Das Alibi: Krank, Freistunde

Bei Saturn sind die Spielkonsolen noch nicht in Betrieb. Die Polizei hat die Geschäftsführer der Kaufhäuser gebeten, die Geräte erst nach 13 Uhr einzuschalten. "Dadurch sinkt die Attraktivität des Schulversäumnisses", wie es in der Broschüre der Polizeidirektion im besten Amtsdeutsch heißt.

Doch die Polizisten geben nicht auf, sie kennen einen weiteren beliebten Tatort des Schulschwänzers: die CD-Abteilung. Drei junge Männer kramen hier versunken in den Regalen. Oliver Ratschmeier nähert sich von hinten und hält ihnen den Polizeiausweis unter die Nase. Er fragt den einen: "Na, solltest du nicht in der Schule sein?" Der Junge, nennen wir ihn Ali, ist überhaupt nicht erschrocken, professionell, und gelassen antwortet er: "Ich bin krankgeschrieben". - "Dann musst du aber doch zu Hause sein und nicht hier CDs kaufen." Die Antwort lässt wie so oft bei spontanen Ausreden jegliche Logik vermissen: "Aber die CD kauf ich ja gar nicht für mich."

Er kann alles belegen, holt seinen Personalausweis aus dem Geldbeutel, er ist schon 17 und damit seit einem Jahr nicht mehr schulpflichtig, seinen Schülerausweis zeigt er vor, auch seine Krankmeldung hat er dabei. Da er sich trotz Krankmeldung die Zeit lieber im Kaufhaus vertreibt, so der Tatbestand, nehmen die Polizisten ihn mit ins Polizeipräsidium und rufen den Direktor der Berufsschule an. Vielleicht handelt es sich ja, so der erste Verdacht, um einen Wiederholungstäter.

Für Oliver Ratschmeier und Daniela Nöth ist das ein Job wie jeder andere. An einem Tag schreiben sie Strafzettel, am nächsten kontrollieren sie Verkehrssünder. Einmal in der Woche, sie wechseln sich ab unter den Kollegen, suchen sie Schulschwänzer, keine leichte Aufgabe.

In Nürnberg gibt es seit 1998 das Projekt Schulschwänzer. Es basiert auf der gesetzlichen Schulpflicht. Die Polizei kann demnach Schüler zurück zur Schule bringen, die tagelang ohne Entschuldigung fehlten und auch dann nicht erschienen, als ihre Eltern eine Aufforderung des Rektorats bekamen, sie schriftlich zu entschuldigen. Fehlen Schüler zehn Tage ohne Begründung, schaltet die Schule die Polizei ein, "um den Schulzwang durchzuführen", wie es heißt. So verfahren alle Bundesländer. Was aber neu ist beim Nürnberger Projekt: Die Polizei wird von sich aus aktiv und schickt jeden Morgen gezielt zwei Beamte der Polizeiinspektion Nürnberg-Mitte los, mögliche Schulschwänzer zu kontrollieren.