Berlin, die ewig andere: Stadt der Kaiser und Diktatoren, der Mietskasernen und Wohnwaben, Grenzstadt, Kampfstadt, Hauptstadt. Die Geschichte hat Berlin um- und umgepflügt, immer wieder geriet der Straßenplan zum Spielplan der großen Menschheitsverbesserer. Bis heute kann niemand den Spuren der Verwerfung entgehen, man sieht barocke Palais neben achtspurigen Autoschneisen, eine mittelalterliche Kirche im Schatten himmelhoher Plattenbauten, und oft genug steht man im Leeren. Berlin ist voller Lücken und Fehlstellen, ist brüchig und ohne Maßstab.

Um das aus der Norm Geratene zu normalisieren, hat sich die Stadt vor zwei Jahren das "Planwerk Innenstadt" verordnet. Viele Nachkriegsschneisen sollen verengt, viele Lücken gefüllt werden, in der Hoffnung, dass am Ende der Straßengrundriss des 18. Jahrhunderts wieder aufscheinen möge. Zudem verfügte man eine rigide Bauordnung, die gehörig dazu beitrug, dass im neuen Berlin mittlerweile vieles recht ältlich aussieht, abweisend und einförmig. Die Enttäuschung über so viel gebaute Engstirnigkeit ist groß, selbst aus dem Ausland hört man Klagen über die verpatzten Chancen.

Dass alles auch anders hätte kommen können, zeigt ein thesenfreudiges Buch, das Philipp Oswalt, unterstützt von Rudolf Stegers und zahlreichen Mitstreitern, erarbeitet hat. Fast drei Dutzend Projekte haben sie zusammengetragen, von denen viele unrealisiert sind, weil sie sich in das offizielle Bau- und Geschichtskonzept der Stadt nicht einpassen wollten. Dazu gehört der spektakuläre Wohnhausentwurf, mit dem die niederländische Bautruppe MVRDV ihre Karriere begann, ebenso wie der furiose Zickzackplan von Daniel Libeskind für den Alexanderplatz. Unbekanntere Namen und wildwüchsige Architekturen werden ebenfalls gezeigt, ein Schwimmbad aus Baucontainern etwa, das vom Institut für angewandte Baukunst für einen Sommer am Prenzlauer Berg aufgestellt worden war. Wohltuend ungestüm sind die Stelzenhäuser des Büros Raumlabor; tastend und archäologisch präzise die Pläne Kerstin Bedaus für die Bebauung eines Mauerstreifens.

Nicht alle Projekte erweisen sich als so ungewöhnlich, dass sie tatsächlich in die "Strategie einer anderen Architektur" passen, die Oswalt aufzeigen möchte. Dennoch dürfte ihm zumindest für Berlin so etwas wie ein Kultbuch gelungen sein, denn gerade die jüngeren Architekten der Stadt fühlen sich oft von aller Lust und Leidenschaft abgeschnürt und werden das Kompendium als Ermutigungsschrift empfinden. Auch überregional wünscht man dem Buch viele Leser, denn gerade Oswalts 120-Seiten-Essay weist über die neue alte Hauptstadt hinaus.

Oswalt will kein neues Leitbild formulieren. Nicht eine bestimmte Phase der Stadt- oder Stilgeschichte soll zum Idealzustand erhoben werden. Vielmehr geht es ihm um die Frage, wie und warum geplant und verworfen, aufgetürmt und abgeräumt wurde. Berlin wird uns als ein Ort widerstreitender Extreme vorgeführt, wo überkochende Ideologien von radikalem Pragmatismus rasch abgekühlt werden. Stets wurden die Dinge anders gemacht als gedacht, das Gewurschtel war stärker als das Visionäre. So entstanden immer neue unreine Formen des Städtischen: Das Unbestimmte wurde Berlins Bestimmung.

In weiten Passagen wirkt Oswalts Essay wie ein Manifest. Weit greift er in die Geschichte aus, um mit vielen Beispielen und drängenden Worten seine Thesen zu illustrieren. Getrieben werde Berlin von einem "automatischen Urbanismus", entgegen allem Bemühen um Planbarkeit. Die Stadt folge einem evolutionären Muster, sie gehorche einem genetischen Code wie ein Organismus mit Eigenleben. Von der Planwerkerei, von der Idee einer steuerbaren Stadt müsse man sich also verabschieden, lautet Oswalts Schlussfolgerung.

So überzeugend viele Beobachtungen dieses Buches sind, so erhellend auch viele der historischen Analogien sein mögen - nähme man dieses Plädoyer für einen freifliegenden Urbanismus ernst, dann wäre der Städteplaner künftig kaum mehr als ein Streetworker der gehobenen Sorte, der Gelder für ein paar Anwohnerprojekte besorgt. Alles andere organisierte sich dann schon "im Prozess" und von allein. Sich so von allem Planungswillen zu verabschieden ist fahrlässig und redet einem Neoliberalismus das Wort, für den die Stadt nur eine Geldmaschine ist. Die heiße Wut gegen die behördlichen Drangsalierungen im Berlin der Gegenwart ist verständlich, doch eine urbane Akupunktur-Politik taugt nicht, wenn es darum geht, die Willkür von Großinvestoren zu zähmen.