An jedem Tag, so meldete die Deutsche Presse-Agentur in diesen Tagen, würden allein in Bayern 26 Hektar landwirtschaftlicher Fläche bebaut. Tagtäglich 260 000 Quadratmeter kostbaren Bodens. Bei gutmütiger Berechnung böten sie Platz für 260 oder mehr Einfamilienhäuser. Jeden Tag! Wenn es tatsächlich dabei bliebe, ergäbe das fast hunderttausend neue Einfamilienhäuser im Jahr allein in Bayern - wie viel dann erst in ganz Deutschland! Eine gespenstische, absurde Vorstellung? Offenbar nicht, wenn man den Wunsch der meisten Landsleute auf ein eigenes Häuschen "zum Drumherumgehen" ernst nimmt - und ihn auf jeder Fahrt durchs Land in den wuchernden, sich immer tiefer in die Landschaft fressenden Häuserherden rings um unsere Städte und Dörfer hassen lernt. Wahrscheinlich wäre es ein bisschen weniger zum Fürchten, wenn einen zumindest die Qualität der Architektur jubeln ließe und das Geschick ihrer beziehungsvollen Anordnung und das Fingerspitzengefühl, mit denen sie auf Ort und Umgebung reagiert. Aber ach, es ist ein Graus.

Man kann nicht so naiv sein zu hoffen, das ließe sich auf einen Schlag durch ein Buch wie dieses ändern, das gut drei Dutzend exemplarisch gelungener Häuser zeigt und obendrein auf einen Baustoff hinweist, dem nördlich von Bayern immer noch misstraut wird, auf das Holz. Das Buch heißt Bauen mit Holz - Die besten Einfamilienhäuser und zeigt Gebäude, errichtet in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sein Autor, der Hamburger Architekt und Publizist Holger Reiners, hält am Glauben fest, künftige Bauherren nachdenklich zu machen, womöglich begeistern zu können. Er hat eine Reiners Stiftung zur Förderung von Architektur und Baukunst gegründet und nun schon zum zweiten Mal einen Architektenwettbewerb ausgerufen, diesmal in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Häuser und dem Callwey Verlag. Das Echo war ermutigend: über fünfhundert Bewerbungen, drei Preisträger gleichen Ranges, zwei, die sich einen Sonderpreis verdient haben; 34 Architekten wurden ausgezeichnet.

Alle 39 Holzhäuser der erstaunlichsten Art sind in diesem leutseligen Buch dargestellt, mit Farbfotos, Grundrissen (manchmal auch Querschnitten). Die Leser werden über Ort und Umgebung, Bewohner, Grundstücks- und Wohnfläche, Baukosten unterrichtet - und auch über die Architekten und ihre Entwurfs- und Arbeitsphilosophie. Am ausführlichsten hat der Schweizer Leo Frei in acht Punkten das versammelt, was man sich von allen erhofft. Was also, fragte er sich, sollte man von guter Architektur verlangen? Und nennt: Kraft (aus dem Ort wie aus dem Volumen), Klang (aus dem Zusammenspiel von Licht, Material und Proportion), Schatten (er denkt dabei an Gehör, Geruch, Tastsinn, an die leibhaftige Atmosphäre) und Farbe (weil ihn Weiß, Chrom und Anthrazit langweilen). Es verlangt ihn ferner nach Ecken (die klaren, mit der Natur kontrastierenden Kanten eines Hauses), nach Überraschung (etwas Unerwartetem), auch nach Humor und nach Erinnerung (und zitiert den römischen Architekten Vitruv, den ersten Architekturtheoretiker der Geschichte, mit dem Verlangen nach venustas, nach Anmut und Ebenmaß).

Nicht alle seinesgleichen hier sind so mitteilsam; doch wenn man ihre Häuser betrachtet, merkt man, dass sie gleichen Sinnes sind: der wohlgeratenen, oft überraschend einladenden Architektur wegen, von der man hofft, dass sie viele Baulustige dazu animiert, endlich den Blick in Kataloge und den Griff in die Dekorationsregale der Baumärkte zu unterlassen und das bisschen Courage aufzubringen, sich einen Architekten zu suchen und sich mit ihm geduldig und erwartungsfroh zu beraten.

Dieses ist das achtzehnte Bau-Buch des Autors, er versucht, weniger mit Worten als mit hervorragenden Beispielen zu überzeugen. Man merkt ihm die Freude am Ergebnis an - und an der neuerlichen Erfahrung, dass sich hohe architektonische Qualität niemals allein im hohen Preis zu erkennen gibt.

Die Häuser sind in Bild und Modell im Verlagshaus Gruner + Jahr in Hamburg zu besichtigen: Am Baumwall 11; bis zum 27. April 2001