So ist es verwunderlich, dass erst vor kurzem jemand auf die gloriose Idee kam, die Vielfalt des Erlebens selbst zum Thema eines Atlanten zu machen. Entstanden ist der Atlas der Erlebniswelten aus einer liebenswürdigen Gewohnheit des holländischen Grafikerpaars Louise von Swaaij und Jean Klare. Zum Jahresende pflegten sie ihren Freunden und Kunden eine Landkarte zu schicken, in die sie ihre guten Wünsche wie Orte eingetragen hatten. Verschlungene Wege führten zu "Glück" und "Gesundheit".

Aus dieser Konvention ist nun ein ganzer Atlas entstanden, der einen Kontinent und seine Regionen darstellt. Die Gestalt dieser "Erlebniswelt" erinnert an den Urkontinent Laurasia, im Süden um zwei, Italien und Griechenland ähnelnde, Halbinseln erweitert, "Genuss" und "Vergänglichkeit" genannt. In der Mitte düster gebirgig und an den Rändern grasig-grün, schwimmt sie zwischen dem "Meer der Möglichkeiten" und dem "Meer des Überflusses". Nördlich der Metropole "Wandel" dehnt sich der "Sumpf der Langeweile". Den Zugang zu dem südlichen, mit Wiesen bedeckten "Genuss" sperrt die Gebirgskette "Lohnstreifen", und oben im Norden liegen Ortschaften wie "Hohn" oder "Bibbern".

Auch die Tourismuswelt wird gezeigt, inkl. Energiebilanz

Beim Blättern stößt man auf manch wortgrafischen Witz wie die "einsame Spitze", auch regt die eine oder andere Trassenführung zum Nachdenken an, etwa wenn die aus der Stadt "Wachstum" führende Autobahn in der Grünzone "Geben" als Sackgasse endet.

So kann man manch amüsante Entdeckung in diesem Atlas machen - bis einem die Betulichkeit des Ganzen aufs Gemüt schlägt. Denn die Ausführung der faszinierenden Idee ist am Ideal seelischer Ausgeglichenheit orientiert, die Atmosphäre der Erlebniswelt von psychological correctness kontaminiert. Nur wenige Raumkonstellationen wecken Fantasien, sind rätselhaft mehrdeutig wie die durch eine kleine Straße verbundenen Orte "Butter" und "Brot".

Gänzlich unerträglich sind die Begleittexte zu den Karten, die jeden Gedanken, den man beim Stöbern hätte gewinnen können, durch pseudotherapeutisches Gewäsch aufweichen. Nun lebt die schöne Idee vergnüglicher weiter: Nachdem man sich im Internet schon seine (noch recht schlichte) Selbsterlebenskarte allein basteln kann, erscheint nun auch Mein Atlas der Erlebniswelten, den jeder mit dem eigenen Leben füllen kann.

Ganz unfantastisch, auf der Basis statistischer Erhebungen, gibt ein anderer Atlas Auskunft über die raue Wirklichkeit der Urlaubswelt. Freizeit und Tourismus ist der kühn gewählte Gegenstand des nunmehr ersten Themenbandes des seit dem vergangenen Jahr fortlaufend erscheinenden Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland (ZEIT Nr. 45/99). Kühn gewählt: Erstaunlich weit klafft die Diskrepanz zwischen der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutung des Tourismus und dem Mauerblümchendasein, das dieser Lebensbereich in der Wissenschaft spielt. Ein Blick in Text und Themakarte Aus-, Fort- und Weiterbildung vermittelt einen Eindruck vom Dilemma. Gerade 800 Studenten pro Jahr beenden touristische Ausbildungsgänge an Hoch- und Fachhochschulen. Umso verdienstvoller ist also der gelungene Versuch, dem Vergnügen einen wissenschaftlichen Atlas zu widmen.