Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Edmund Stoiber! Vergangenen Freitag haben Sie auf dem Mannheimer Markt eine lange Rede gehalten. Sie sprachen in schicksalhafter Stunde. Zum einen drohten Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Eindrucksvoll bewiesen Sie den Zusammenhang zwischen Christdemokratie und Prosperität, weshalb in München und Stuttgart erfolgreicher regiert werde als in Magdeburg, Potsdam und Rostock. Zwar heißt die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern nicht Rostock, sondern Schwerin, aber Sie müssen das natürlich nicht wissen, zumal Ihnen auf dem Podium auch Frau Merkel applaudierte.

Dann kamen Sie zum eigentlichen Thema: unserem deutschen Vaterland. Sie verlangten Nationalstolz. Sie geißelten den vaterlandslosen Minister Trittin und das linke Gesocks. Lieber Herr Stoiber, als Sie am Freitag geendet hatten, als der Beifall auf der Bühne den des Mannheimer Volkes schier übertraf, da schwoll in mir ein gewaltiges Gefühl: Ich war stolz, ein Ostdeutscher zu sein. Das muss Sie freuen und sei dennoch erklärt.

Das Land, in dem ich lebensnah und staatsfern aufgewachsen bin, hieß DDR. Sie war, wie die Bundesrepublik, ein Mündel ihrer Siegermacht und deren getreuer Vasall. Beide Deutschländer betrugen sich im Kalten Krieg systemkonform, auch gegeneinander. Der Westen begann die deutsche Teilung mit der Währungsreform vom 18. Juni 1948. Der Osten zementierte sie am 13. August 1961 mit der barbarischen Mauer. Während sich aber die BRD trotz der Teilung unbeirrt als Deutschland kannte, rang die DDR mit gewaltigen Identitätsproblemen. Auf zwei Holzbeinen humpelte sie bis zur Bahre: Antifaschismus und Antikapitalismus. Laut SED-Doktrin bedeutete die Hitlerei die schlimmste, aber logische Steigerung des Monopolkapitalismus. Hiermit aufgeräumt zu haben war der Gründungsmythos der SED-Republik und zugleich der Lebensborn ihrer Selbstgerechtigkeit: Nazis hatten wir nicht, die saßen drüben, von Globke bis Hoechst.

Zwei Deutschländer rangen darum, das wahre zu sein

Dafür beutelte die DDR ein Nationalkomplex. Bis zum Mauerbau gab Ulbricht sich als Einheitsdeutscher. Wer danach zur Schule ging, lernte Zweistaatlichkeit als Normalzustand und Solidarität mit den Fortschrittsvölkern. Das dem US-Imperialismus trotzende Volk Vietnams stand uns näher als jenes links der Elbe. Der Saarländer Honecker spürte diese Sollbruchstelle seiner Staatsräson und verdeutschte die DDR aufs Neue. Zudem fiel 1973 nach der KSZE-Konferenz von Helsinki auch die Bonner Hallsteindoktrin, derzufolge bislang die BRD allen DDR-Anerkennern die diplomatische Zuwen-dung entzogen hatte. Fortan rangen zwei Deutschländer darum, das wahre zu sein. Die SED bastelte ihre Lehre von den zwei deutschen Nationen, der fortschrittlichen und der reaktionären. Letztere rottete im Westen; das wertvolle Erbgut (Müntzer - Bach - Goethe - Marx - Hennecke) hatte in unserer Republik Humus und Pflege gefunden. 1975, als dieser Stuss aufkam, teilte ich in Roßla am Kyffhäuser ein HNO-Klinikzimmer mit einem glühenden Genossen. Ich konnte seinen Tiraden nicht widersprechen, da frisch an den Mandeln operiert. Als ich wieder zu reden vermochte, konnte er's nicht hören, wegen Trommelfell-OP. So ähnlich kommunizierten DDR-Volk und Führung bis 1989.

Bis heute rätseln aufrechte Ostdemokraten, welche Übelwessis unsere schöne emanzipatorische Revolution zum Nationalgottesdienst verhunzt haben. Auch mich erschreckte nach dem Mauerfall die Deutschbesoffenheit. Ich hielt uns Ostler für ein aufgeklärtes, selbstironisches Volk, das die Teilung als Kriegssühne akzeptierte. Das war so naiv wie ungeschichtlich gedacht. Millionen DDRler freuten sich schlicht, endlich ungeteilt Deutsche zu sein. Dass Nationalität allein nicht nährt, erfuhren sie in den folgenden Jahren. Der postnationalen BRD waren Ostdeutsche so willkommen wie Spätaussiedler. Derzeit kochen die Rechten uns Ossis eine besondere Bouillon: aggressives Deutschtum mit DDR-Stolz plus Antikapitalismus, auf dass die Einheitsverlierer ihre Suppenküche finden. Den Appetit, lieber Herr Stoiber, holt sich diese Klientel bei Ihren deutschen Reden. Essen geht sie beim Original.

Das wollen Sie nicht. Sie sind kein Rassist. Nicht nach deutscher Überlegenheit verlangt es Sie, nur nach Flaggenstolz, wie ihn Engländer und Franzosen als selbstverständlich empfänden. Aber diese Selbstverständlichkeit ist uns verboten - Engländern und Franzosen in minderem Maße auch. Der US-amerikanischen Geschichte bleibt Vietnam eingebrannt. Es gibt kein Japan ohne die Massaker an Chinesen und Koreanern. Wo die türkische Fahne aufsteigt, sei auch der Armenier und Kurden gedacht - von den Türken? Die Geschichte ist kein Buch der guten Taten, doch Völker, die es wagen, alle Kapitel ihrer Chronik aufzuschlagen, leben freier und sogar mit mehr Grund zum Stolz. In diesem Sinne sind wir Deutschen kein feiges Volk und waren es auch nicht in der DDR. Dass deren Antifaschismus ausschließlich staatsverordnet gewesen sei, ist eine Lebenslüge und Entschuldungsstrategie der alten Bundesrepublik. Statt diesen Dynamo der DDR-Sozialisation demokratisch umzurüsten, wurde er mit Kohlschem Schwung verschrottet. Das hat den Osten weit nach rechts gerückt.