Hier geht es eigentlich um Lebensqualität in diesem Umfeld und nicht um beliebige Verlängerung des Lebens. Das hielte ich für einen Irrweg - auch die Frage nach der Unsterblichkeit. Die ewige Erneuerung von Zellen, von Organismen halte ich für einen Unsinn. Der Begriff des Lebens, auch in der Biologie, ist untrennbar mit dem des Todes verknüpft, sonst gäbe es dieses Leben gar nicht. Und insofern verschwende ich sozusagen meine Gedanken jedenfalls nicht an die Unsterblichkeit und solche Fragen. In der konkreten Diskussion um Embryonen - da ist für mich persönlich sozusagen der Rubikon überschritten worden mit der künstlichen Befruchtung. Also vor 22, 23 Jahren, als das erste Reagenzglas-Baby produziert worden ist. Inzwischen sind es rund 8000 in Deutschland pro Jahr, das heißt, seit dieser Zeit liegen gewissermaßen die Embryonen offen vor uns, und seit dieser Zeit werden diese Fragen auch aufgeworfen, und jetzt müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Ich glaube nicht, dass wir je zurück hinter diesen Zustand kommen, dafür ist er viel zu sehr akzeptiert worden und Routine geworden.

Aber man kann aus dem, was Sie sagen richtig heraus hören, dass Sie schon gegen die Forschung um der Forschung Willen sind - also rein, um den Erkenntniswert zu steigern?

In diesem Umfeld werde ich in der Tat ganz vorsichtig. Ich halte viel von der Forschungsfreiheit Artikel 5, Absatz 3 im Grundgesetz, aber sie ist eben nicht absolut. Die ist jedenfalls durch eine Reihe anderer Grundrechte immer eingeschränkt gewesen - nicht übrigens erst heute - das ist natürlich auch missbraucht worden, Stichwort ‘Drittes Reich’ - aber das ist ein anderes Kapitel. Aber auch jetzt ist selbstverständlich die Forschung nicht frei; sie ist durch alle möglichen Gesetze eingeschränkt: Gentechnik-Gesetz, Datenschutz und so weiter - und das ist auch gut so. Das muss so sein!

Also Sie würden nicht sagen, dass die Forscher zu sehr eingeschränkt sind?

Ich glaube nicht, dass sie in Deutschland zu sehr eingeschränkt sind. Das mag im Einzelfall mal etwas dauern, bis jemand eine Genehmigung irgendwo bekommt; da mag es Verzögerungen geben. Aber das müssen wir in Kauf nehmen. Ich denke, wir müssen mit der Gesellschaft als Wissenschaftler in einen Dialog kommen, wo wir es noch nicht sind. Das kann Zeit kosten, aber das ist mindestens so wichtig wie das Konzept der Freiheit der Forschung an sich, finde ich.

Sie haben die künstliche Befruchtung gewissermaßen als die ‘Mutter aller Embryonenforschungs- und Bio-Ethik-Probleme’ erwähnt, mit denen wir uns jetzt beschäftigen. Glauben Sie, es war ein Fehler, damit überhaupt anzufangen?

In einer gewissen Hinsicht glaube ich schon, dass es ein Fehler war, damit anzufangen, denn natürlich gibt es gute Gründe, mit den Embryonen dann auch zu arbeiten. Aber im Grunde wird das Thema meiner Ansicht nach falsch bewertet. Da steht jetzt - ausgerechnet auch von den Gegnern unserer Fächer - im Raum ein reiner Biologismus, den wir ja als Wissenschaftler gar nicht vertreten! Das Genom, das der Embryo ist, ist ja eine Zelle, darin sitzt das Erbgut - und weiter nichts! Und dieses Erbgut wird einem Programm unterzogen - es unterzieht sich selbst einem Programm - aber eben nicht alleine. Zu einem Menschen wird das Ganze sowieso nur durch verschiedenste Arten von Wechselwirkungen und am Ende sogar die sozio-kulturellen Wechselwirkungen, die uns dann wirklich zu denkenden und bewussten Lebewesen machen. Das hat alles nichts mit Genom zu tun. Wir sind, wie ich immer gerne sage, mehr als die Summe unserer Gene!