Der Schirm trägt mich weiter und weiter, und ich lande oben am Gletscher der Marmolada. Ein paar Nebelschwaden senken sich bis zum Gipfel und hüllen ihn teilweise ein. Eigentlich müsste ich weiterfliegen. Es kommt mir so vor, als zöge ein Gewitter auf. Es kann mir die Freude im Traum nicht nehmen. Aber die mit Elektrizität geladene Luft knistert, das Kribbeln ist im ganzen Körper zu spüren, und wie mit einer unsichtbaren Hand reißt es die Haare senkrecht nach oben. Neben lodernden Blitzen züngeln noch flüchtige blaue Elmsfeuer am trüben düsteren Himmel, und ich sitze lange unbeweglich und voller Angst im Schnee. Der Tod, denke ich, ist nichts Romantisches, deshalb brauche ich ihn nicht.

Bilderfetzen jagen vor meinen Augen Geschichte durch den Kopf. Mir schießt Berlin in den Sinn, für das ich als Regierungssitz gestimmt habe. Jetzt träume ich davon, dass es diese dumme Siegessäule nicht gibt, die dort herumsteht mit ihren eingelassenen Kanonrohren von Schlachten, die die Preußen gegen die Württemberger, die Österreicher und die Franzosen geschlagen haben. Plötzlich stelle ich mir vor, die alliierten Bomber hätten das ganze alte schöne Berlin stehen lassen, aber die Siegessäule und die ganze wilhelminische Architektur in Schutt und Asche gelegt - und die neudeutschen Monumentalbauten wie das neue Bundeskanzleramt, wenn die damals schon gestanden hätten.

Plötzlich reißt es auf. Die Sonne geht unter. Wie durch einen Zauber vertreibt der Nordwind den Sturm. Und von den letzten Sonnenstrahlen berührt, ragt der leuchtende Schneekegel der Marmolada in den blassrosa Himmel. Im Norden sehe ich die Zillertaler Alpen, von wo meine Vorfahren stammen. Im Westen schaue ich auf den Ortler, die Bernina und den Monte Rosa und sehe das Märchen von Europa, das Wirklichkeit geworden ist. Ich bin wieder wach und liege am Sellajoch auf einer Wiese und überlege mir, was eigentlich gewesen wäre, wenn nicht die Preußen, sondern die Österreicher die Schlacht bei Königgrätz gewonnen hätten? Ich komme wieder ins Träumen - die Weltgeschichte wäre anders gelaufen: kein Bismarck-Reich, kein Krater im Col di Lana, kein Versailles, keine Nazis, kein Auschwitz. Ich werde wieder hellwach.

Müssen jetzt die CDU-Leute schon sagen: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein"? - Werden sie sonst zu Apostaten? Dabei haben wir doch immer wieder gesagt: Christ sein, Demokrat sein ist für unsere Identität wichtiger als nationale Selbstbefriedigung. Meine Träume sind oft zerklüftete Gebilde wie der Langkofel vor mir oberhalb des Grödnertals. Die Frage: "Was wäre, wenn?" ist eine dem Traum immanente Frage, die sich immer dann verselbstständigt, wenn die Zweifel überwiegen. Aber es ist eine aufregende Faszination, die vom Unmöglichen ausgeht, und sie hat zusammen mit dem Unbekannten schon immer die Abenteuer der Menschen inspiriert. Was heute als unmöglich gilt, ist es vielleicht schon morgen nicht mehr. Und wenn ich heute in der Minderheit bin, kann ich morgen die Mehrheit haben - wie es schon oft so war. Ich komme ins Sinnieren. Mein Studium, meine Jesuitenzeit, meine politischen Ämter, meine Bücher, meine Kämpfe, meine Fantasien - ich bin offenbar kein typisch deutsches Produkt. Warum denken so viele Deutsche, auch meine Freunde, über Deutschland so ganz anders als ich?

Ich träume weiter. Wenn ich wieder jünger wäre, würde ich mich nicht mehr abhalten lassen, Klavier richtig zu lernen und zu spielen. Und in den Himalaya wäre ich gegangen, als die Routen noch leichenfrei waren und nicht alle hundert Meter ein Arm, ein Torso, ein eisgesinterter Kopf aus dem Gletscher ragte. Ich hätte den Buddhismus studiert mit seinem pulsierenden Universum und seinem zyklischen Geschichtsverständnis und seiner Vorstellung von Gott, dass nämlich das Göttliche in der Natur der ganzen Welt, auch in den einzelnen Dingen, anwesend sei und der Mensch als Teil dieser von Gott durchwirkten Natur durch Selbstbesinnung und Meditation die Einheit mit dem Göttlichen erlangen könnte. Und ich erfinde einen Gott, der nicht eine Person ist wie der Mensch, und gegen den man nicht die Faust erheben kann, weil er Auschwitz zugelassen hat. Mir fallen die Fundamentalisten in Afghanistan ein, die Ehebrecherinnen bis zur Brust in den Sand eingraben und dann mit Bulldozern plattmachen. Dann möchte ich Revolutionär werden und die Welt verändern und stelle mir vor, reden zu können wie Jesus, bei dem, "als sie seine Worte hörten, die Scharen außer sich gerieten", wie sein Biograf Matthäus schreibt.

In den Tagträumen mitten in der Nacht stelle ich mir vor, wie es in den Menschen aussieht, die wegen einer Erhöhung der Kapitalrendite ihres Unternehmens wegrationalisiert werden, und ich ertappe mich bei dem Gedanken, was ich mit Folterern machte, wenn ich sie erwischte, und erschrecke über mich selber. Aber ich könnte mir vorstellen, an der Spitze einer Armee die Frauen in Afghanistan und die Christen im Sudan zu befreien. Solche Schwärme verfliegen mit dem Morgengrauen. Aber alle Ideale und alle Revolutionen kommen aus den Träumen für eine bessere Welt, sind die Folgen eines zündenden Funkens und des Aufruhrs des Geistes gegen gewalttätige Macht. Warum sind so wenige Künstler auch Politiker, warum sind so wenige Politiker Feingeister und wirkliche Humanisten? Warum sind die meisten angepasste Feiglinge, wo doch laut Churchill Mut die wichtigste Eigenschaft in der Politik sein müsste? Wenn "moderne Zeiten" heißt, dass der Begriff von den "Werten" wie Schlamm auf den Straßen ist, den es wegzusaugen gilt, sind wir alle verloren.

Ich träume immer noch in meinem Zelt im steinernen Meer am Sellajoch und höre auf das gleichmäßige Rauschen des Windes und die Geräusche der wenigen Autos, die die Passstraße herauffahren. Meine Gedanken wandern weiter. Ich sehe mich wieder als Kind und liege im Bett, presse ein Ohr an die Wand und höre Musik im anderen Zimmer. Meine Mutter spielt Klavier, Schubert, Schumann. Ich bin neun Jahre alt, kenne die Partituren auswendig und träume davon, ein großer Pianist zu werden. Mein Vater sagt: Du schaffst es nicht. Meine Mutter hilft mir, und ich gehe zu einer Lehrerin - Judith Holz, einer Wiener Jüdin, die vor den österreichischen Nazis geflüchtet war. Eines Tages war sie weg, die Tür zu ihrer Wohnung verschlossen. Man hatte sie abgeholt, umgebracht. Ich habe nie mehr richtig Klavierspielen gelernt, aber meinen Kindern diesen Traum erfüllt. Ich selber träume manchmal, ich spielte in einem Saal Schubert und Schumann, und meine Mutter und Judith Holz hörten zu, freuten sich und staunten.