Auf den ersten Blick hat die langjährige Sonderschullehrerin, bekennende Karnevalistin und katholische Rheinländerin Ulla Schmidt aus Aachen mit dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton nicht viel gemein. Wer genauer hinschaut, entdeckt allerdings Ähnlichkeiten in der Körpersprache. Die neue Gesundheitsministerin beherrscht den legendären Clinton-Griff. Hand schütteln, linke Hand auf dem Arm des Gegenübers, dazu ein Lächeln, das dem anderen sagt: In diesem Moment gibt es nur dich.

Seit die Sozialdemokratin ins Bundeskabinett aufstieg, menschelt es ungemein in der Gesundheitspolitik. Am Montag dieser Woche, als in Ostdeutschland ein mehrtägiger Ärzteprotest begann, sprach eine kleine Delegation von Fachärzten zwei Stunden lang mit der Ministerin. Anschließend gab es nahezu rührende Kommentare zu hören. "Hervorragend" habe man sich verstanden, sagt der Berliner Kardiologe Anton Rouwen. "Unser Zorn richtet sich nicht in erster Linie gegen die Ministerin, sondern gegen die Politik im Allgemeinen, gegen die Kassen und auch gegen die Patienten." Mitstreiter erklärten gar, man wolle Schmidt mit Demonstrationen und Praxisschließungen "den Rücken stärken". Damit ist der Ministerin zwar nicht geholfen - im Wahljahr will die Regierung vor allem Ruhe in den Wartezimmern. Aber ungewöhnlich ist dieses Kuschelklima schon. So sorgt Ulla Schmidt für Konsens.

Typisch war die Rede, mit der die Ministerin in der vergangenen Woche die Karikatur-Ausstellung eines großen Pharmaunternehmens im Berliner Pressehaus eröffnete: Da erzählte sie Mediziner-Witze, ließ sich als Schlangenbeschwörerin porträtieren und verbreitet ganz allgemein gute Laune. "Clever" findet das die Pharmalobbyistin Cornelia Yzer, selbst Parlamentarische Staatssekretärin in den Zeiten der Kohl-Regierung: "Die Leute aus der Industrie sind begeistert - ohne dass Frau Schmidt eine einzige politische Aussage macht." Am nächsten Tag wird über die Festbeträge für Arzneimittel verhandelt, ein Thema, bei dem Kassen und Industrie um einen Milliardenbetrag streiten, und Ulla Schmidt setzt sich wider Erwarten mit einem Kompromissvorschlag durch. Ein Erfolg.

Typisch war auch ihr erster Besuch beim Institut für Arzneimittelsicherheit, das erst seit kurzem vollständig in Bonn angesiedelt ist. Der erzwungene Umzug einiger hundert Mitarbeiter von Berlin nach Bonn hat hier kräftig auf die Stimmung gedrückt. Andere hätten sich vielleicht zur Personalversammlung angemeldet - Schmidt kam mitten im rheinischen Karneval, ausgerüstet mit Strohhut und bunter Weste. Sie ließ sich küssen vom Bonner Prinzenpaar, zum Tanzen auffordern von Fachreferenten mit abgeschnittener Weiberfastnachts-Krawatte und bewunderte Funkenmariechen im Vorschulalter.

Über ihre Zugehörigkeit zum "Seeheimer Kreis", den konservativen "Kanalern" in der SPD-Bundestagsfraktion, sagt sie: "Ich habe mich immer für links gehalten, aber bei den Seeheimern bin ich, weil das meine Freunde sind: Mit denen kann man arbeiten, mit denen kann man feiern, und sie sind da, wenn man sie braucht."

Ihren ersten öffentlichen Auftritt als Ministerin - damals zogen einige Zeitungen über Schmidts Studentenjobs in einer Bar her - hatte sie im Fernsehen bei Boulevard Bio. Dort werden bekanntlich nur selten kritische Fragen gestellt. Der Kanzler war begeistert. Er hatte an diesem Abend eigens einen Wirtschaftsempfang frühzeitig verlassen, um seine neue Ministerin im Fernsehen zu betrachten. Anschließend rief er Schmidt auf ihrem Handy an, um zu gratulieren.

Ulla Schmidt ist keine, die wegen ordnungspolitischer Vorbehalte schlecht schlafen würde. Im Gegenteil: Viel unideologischer kann Politik nicht sein. Man könnte Schmidts Herangehensweise vermutlich sogar "populistisch" nennen, wie jener Wissenschaftler, der sich bis heute darüber ärgert, dass Ulla Schmidt sich erfolgreich gegen einige unbequeme, aber sinnvolle Elemente der Riesterschen Rentenpläne stemmte. Dazu gehört etwa die von der Presse als "Zwangsrente" verdammte allgemeine Versicherungspflicht oder die Verknüpfung mit der ohnehin überfälligen Neuordnung der Rentenbesteuerung. Mit Riester wäre beides zu machen gewesen. Schmidt und andere aus der Fraktion fürchteten - nicht ganz zu Unrecht -, die Rentenreform würde damit noch viel unpopulärer, als sie es ohnehin schon war.