Charles de Gaulle würde sich im Grabe umdrehen. "Die Wirtschaft ist zu wichtig, als dass man sie sich selber überlassen darf", mahnte der General schon in den fünfziger Jahren und gab damit den Startschuss für "30 glorreiche Jahre" der Aufholjagd - per Staatsintervention. Und heute? Ausländische Investoren haben sich fast die Hälfte des Kapitals der 40 größten französischen Unternehmen einverleibt. Das einst eng geknüpfte soziale Netz beginnt sich zu entflechten. Immer mehr Franzosen müssen sich mit befristeten Jobs abfinden. Und selbst die früher gehätschelte Elite muss um ihre Privilegien fürchten.

Eine "Revolution" nennen das Experten wie der Direktor des Deutsch-Französischen Instituts, Henrik Uterwedde. Noch "unvollendet", setzt der Chefredakteur der Wirtschaftszeitung Les Echos, Eric Izraelewicz, hinzu. Frankreich übt sich im Spagat zwischen Tradition und Moderne, Staat und Markt, Besitzstandswahrung und Flexibilisierung. Bei aller Zerrissenheit ist aber eines eindeutig: Die Wirtschaft floriert.

Auch wenn die französische Regierung ihren staatlichen Energiemonopolisten EdF in der Europäischen Union protegiert, hat sie in anderen Branchen privatisiert und für gehörigen Schwung gesorgt. Freilich nicht mit französischem Kapital: Vor allem amerikanische Pensionsfonds erkannten ihre Chance bei den privatisierten Staatsbetrieben.

Der Anteil ausländischen Börsenkapitals verfünffachte sich in Frankreich binnen 15 Jahren auf mehr als 40 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland sind es sechzehn, in den Vereinigten Staaten gar nur sechs Prozent.

Angelsächsische Fonds wie Calpers (USA) oder Scottish Widows (Großbritannien) bewegen die Börse. Sie zeichnen weit über die Hälfte aller Transaktionen in Paris. Steigen die Kurse, freuen sich die Rentner in Kalifornien und Edinburgh. Französische Pensionäre gehen leer aus. Deshalb prophezeit der Publizist Izraelewicz: "Wir werden bald eine Debatte darüber bekommen, wem Frankreichs Firmen gehören."

Trotz Marktöffnung und Wirtschaftsboom bleiben den Franzosen Aktien suspekt. Nicht einmal jeder Zehnte hält welche - zum großen Bedauern des Euronext-Chefs Jean-François Théodore. Er beneide Deutschland um seinen Aktionärsboom, gesteht der Präsident der Börsen von Paris, Amsterdam und Brüssel. Auch die Massenmedien sind erstaunlich zurückhaltend. Le Monde raffte sich erst vor wenigen Tagen auf, eigens Geld- und Finanzseiten einzurichten. Neue Anlegermagazine schwächeln in der Auflage. Immerhin: Da die Franzosen die Begeisterung für Aktien der Neuen Wirtschaft nicht teilten, konnte der Nouveau Marché in der jetzigen High-Tech-Krise auch nicht so stark einbrechen wie sein deutsches Pendant, der Neue Markt.

Auf die eigene Leistungsfähigkeit vertrauen die Franzosen gleichwohl. Die Konsumenten sind so positiv gestimmt wie seit drei Jahren nicht mehr. Schließlich hat sich Frankreich zu Europas Wirtschaftslokomotive entwickelt. Weil Frankreich die Kriterien des Maastrichter Euro-Vertrages einhalten musste, sind die Zeiten zweistelliger Inflationsraten heute vergessen. Die Teuerungsrate ist geringer als in Deutschland, die Wachstumsrate höher. Und die Arbeitslosenquote fällt seit drei Jahren.