Zunächst mal hat die Insel Buchten und Strände, die sich sehen lassen können. Allen voran Bioluminescent Bay, wo man in mondlosen Nächten in Gewässern paddelt, die wie magisch von Dinoflagellaten oder Panzergeißelalgen illuminiert sind und wie Millionen winziger Neonröhrchen wirken. In Sun Bay kann man seine Hängematte zwischen Palmen und mit Blick über Hunderte von Metern feinen Sandstrandes aufhängen. Media Luna, im Dickicht der Akazien versteckt, besticht mit schlohweißem Sand und seichtem milchig-blauem Wasser. Navio, noch abgelegener und nur über krumme Feldwege mit dem Jeep zu erreichen, wird vom atlantischen Surf gepeitscht und ist fast immer menschenleer.

Der Besuch der Greeb Beach erfordert eine kleine Reise durch Mangrovensümpfe und über Pontonbrücken, doch winkt am Ende ein einsamer Strand, den man lediglich mit einem Schwarm von Pelikanen teilt. Am Wochenende wird die Stille rüde unterbrochen, wenn die Motorboote aus dem benachbarten Puerto Rico hier anpreschen. Dann füllen die Stakkatoklänge von Salsa und Merengue die vorher so stille Bucht, überall knistern Feuer und Barbecues, und es riecht nach Fisch und platanos - gebratenen Bananen.

Mit ihren geschäftigen Läden, Gästehäusern und Restaurants, mit ihren brav uniformierten Schulkindern und einer Fähre nach Puerto Rico ist die Inselhauptstadt Isabel Segunda Vieques' Tor zur Welt. Und ein farbenprächtiges noch dazu: Die Viequense lieben ihre Häuser bunt wie Knallbonbons. Die hurrikansicher aus Beton gebauten casitas leuchten mit verzierten Balkons und Gitterschmuck in Aqua und Violett, in Aubergine, Azurblau und Türkis, und wem es an Mitteln für einen kompletten Anstrich fehlt, der lässt zumindest die Rundbögen der Veranda oder den pórtico in einer knalligen Farbe erstrahlen.

Eine Oase ist der Friedhof, wo Generationen von Viequense in weiß gekalkten Grabmälern auf einem Steilhügel über dem Meer das Jüngste Gericht erwarten. Marmorengel schlagen mit gewaltigen Flügeln, Jesus mahnt mit erhobener Hand, winzige Kindergräber stehen wie vergessene Hochzeitskuchen dazwischen. Nur ein Hahnenschrei oder ein gelegentliches Hupen erinnert an das nahe Städtchen.

Zu schön, um wahr zu sein? Natürlich. Denn es gibt gute Gründe, warum diese Insel keine Touristenströme, keine Golfplätze und keine cruising boats hat. Die Bewohner von Vieques, auf dem Papier amerikanische Bürger, wohnen nämlich buchstäblich auf einem Pulverfass: zwischen einem Trainings- und Manövergelände der US-Marine auf der einen und einem Navy-Waffendepot auf der anderen Inselseite. Nur die Unerschrockenen oder die Sensationshungrigen unter den Besuchern machen Urlaub auf einer Insel, auf der das Militär mehrmals im Jahr Krieg spielt. Ihnen macht es wenig aus, wenn am Nachbartisch im Restaurant ein pensionierter Navy-Mann laut von Blindgängern tönt, die allenthalben herumliegen sollen. Der Musiker Tony Nunziata, der seit zehn Jahren jeden Winter in Vieques verbringt, zählt sich zu den Unerschrockenen. »Ich schwamm nachts in der Bioluminescent Bay und sah plötzlich über mir die Sterne wie betrunken schwanken«, berichtet er. »Als ich den fernen Donner hörte, war mir klar: Die schießen gerade. Doch nicht die Sterne schwankten, sondern die ganze Bucht.«

Bereits 1941 war das begehrliche Auge der Marine auf die abgelegene Insel gefallen, die seit dem spanisch-amerikanischen Konflikt 1898 zu den USA gehört. Die Marine setzte durch, dass zwei Drittel der Insel von Bewohnern geräumt und ihr übereignet wurden. Für die Militärs ist Vieques ein Idealfall, wie er sonst an der Atlantikküste nirgendwo vorkommt: über 200 000 Quadratmeilen unbesiedelten Areals für Manöver zu Land und zu Wasser, das sich überdies noch profitabel an die Nato-Alliierten vermieten lässt und bald von den Navy-Chefs als »Kronjuwel der US-Marine« bezeichnet wurde.

Wen stört es da schon, dass auf der Insel immerhin noch 9400 Menschen leben? Schließlich hatte die Navy ihren Beitrag für den Unterhalt der Insel geleistet. Sie hielt ihre Manövergelände peinlich sauber. Sie pumpte Frischwasser aus dem Regenwald von Puerto Rico herbei, baute ein Straßennetz und verteilte Jobs - wenn auch viel zu wenige - an die Inselbewohner, von denen 73 Prozent laut Angaben der New York Times unterhalb der Armutsgrenze leben. Obwohl man ihnen unter die Arme griff, zeigten sie sich überraschend undankbar und weigerten sich, diesen sugar daddy zu lieben, der ihnen das Land genommen hatte und nun dafür bezahlte, dass ihre Insel geschändet wurde. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass man in Vieques mit Napalm und angereichertem Uran experimentiert habe, was die Navy selbstverständlich dementiert. »Wir sind Versuchskaninchen«, empört sich Nielza Maldonado, deren Mann Kiki eine Zeit lang als security guard für die Navy tätig war. »Alles, was sie an neuen Waffen haben, probieren sie erst mal an uns aus.« Gerüchte ranken sich auch um andere unerklärliche Inselphänomene. Wem etwa hat man eine bislang unbekannte Krankheit zu verdanken, die angeblich Vieques' Fischer befällt und unter dem Namen vibroacoustic disease zur Verhärtung des Herzens führen soll?