Der Mittag kam hellgrau über Dresden am 27. November 1995, der erste Ortstermin, und vielleicht war sofort alles Gift in der Welt. Beide Parteien erinnern sich so, Christoph Hollenders sagt, Frau Rudat sei heftig geworden sogleich, sie und ihr Vater würden nicht ausziehen, nein, niemals: "Wir bleiben hier." Gisela Rudat berichtet, Herr Dr. Hollenders habe geschrien ohne Umschweife, sie würden schon sehen, die Zeiten hätten sich geändert: "Im Westen haben auch Eigentümer Rechte." So wird es gesagt, Aussage steht gegen Aussage, alle reden in eigener Sache, und Bitterkeit nistet in jedem Wort.

Vielleicht schlug ein kleiner Zwist im flüchtigen Frost des 27. November 1995 den grellen Grundton an für alles Folgende, eine dissonante Ouvertüre, in der die große Oper schon aufscheint. Ihre Handlung setzt ein vor 300 Jahren, vor 100, vor 50, vor 10 oder 5, das kommt sehr auf die Perspektive an, und gute Gründe sprächen für jede Entscheidung. Vor 300 Jahren baute sich Augusts des Starken Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger ein Sommerhaus am Elbhang, das im vorvergangenen Jahrhundert vererbt wurde an die Familien derer von Watzdorf, von Erdmannsdorf, es wurde vor 50 Jahren nach Staatsgründung der DDR und auch später nicht enteignet, rückte vor gut zehn Jahren, als erst die Mauer fiel und dann die Einheit kam, ins Blickfeld verschiedener Investoren, und vor fünf Jahren fraßen endlich Christoph Hollenders und seine heutige Frau Caroline, geborene Möhring, einen Narren an ihm. Es ist eine ausladende deutsche Geschichte, alles hängt mit allem zusammen, hinter Schleiern liegt, warum alles kam, wie es kam, der Arbeitstitel lautet: "Dinglingers Weinberg" oder "Alle werden auf ihre Weise Verlierer sein".

Dinglingers Weinberg. Flussaufwärts gelegen in der Kette der Elbschlösser mit Namen Albrechtsberg, Lingner, Eckberg, ein spektakuläres Grundstück, nach Süden gewandt, steil sich aufwerfend vom Elbufer weg, 20 000 und ein paar Quadratmeter, mit kleinem Pavillon auf halber Höhe, von dessen Balkon sich Belvedere gut buchstabieren lässt. Dresden, die Türme, zwei Kilometer hin, wie Geschenkfolie glänzt der Fluss. Zum Greifen nah drunten das "Blaue Wunder", die aus Eisen geflochtene Brücke vor dem Weichbild der Sächsischen Schweiz, und, in weiterer Ferne, springt das Erzgebirge auf an spröden Tagen, hin zur Zinnwalder Höhe. Ein schöner Streifen Land, droben ein schmuckloses, stattliches Haus, im ältesten Stück frühes 17. Jahrhundert, zum Wohnen gut 500 Quadratmeter, unterm Dach verrottet ein lustiger Festsaal mit barocker Winduhr im Deckengebälk, angegriffen sind die Gebäude, vom Wetter attackiert, immer aufs Neue geflickt, Kohleöfen, DDR-Inventar, geplatzte Farbe, die Stützhölzer morsch. Trotzdem ein Idyll, und wenn die Sonne scheint: ein Traum. Ein enges bewaldetes Tal bildet die nordwestliche Grenze, Mordgrund genannt. So heißt auch der Bach, der drunten, dünn, im Geländebruch rieselt.

Sogar der Bischof versuchte zu schlichten. Vergeblich

Der Mittag kam über Dresden am 27. November vor sechs Jahren, ein Montag, hellgrau, die Akte "Dinglingers Weinberg" wurde eröffnet, und bald waren sieben Ämter des Dresdner Rathauses nebst Oberbürgermeister verwickelt, zogen elf Landes- und Kommunalbehörden ihre Furchen, ging eine Hölle los, die nun seit fünfeinhalb Jahren lodert, befeuert von sächsischen Ministern, Mandatsträgern, von Museumsdirektoren und Denkmalschützern von nah und fern. Dresdens Stadtrat nahm sich des Vorgangs mehrfach an, eine lärmende Bürgerinitiative verwirrt bis heute die Lage, Europaabgeordnete, Pfarrer, selbst der Bischof von Dresden und Meißen, sie wurden, vergeblich, zu Vermittlern bestellt, die Lokalpresse machte fröhlich Skandal, es fanden Hausdurchsuchungen statt, Beschlagnahmen sind zu verhandeln, Räumungsklagen, Betrugsanzeigen, Dienstaufsichtsbeschwerden, Aktennotizen, Papier: Zweitausend Blatt, es ist eine ausladende deutsche Geschichte, und dabei sind die Schriftsätze der je nach Zählweise zwölf bis siebzehn juristischen Verfahren zu Aspekten der Sache noch gar nicht eingerechnet.

Warum alles kam, wie es kam, Hinweise finden sich im frühen Winter 1998, als Christoph Hollenders daranging, von der CDU als Kandidat für die Landtagswahl nominiert zu werden. Längst lief da die Sache "Dinglingers Weinberg", und er, der arrivierte Jurist, dessen Sachverstand die Regierungsfraktion gut hätte gebrauchen können, verfehlte sein Ziel um eine Stimme, und die Delegierten kürten stattdessen einen jungen sächsischen Bankkaufmann. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte, zu ihrem Ende fehlt, dass Hollenders in den Wochen der Kandidatenkür häufig Blazer trägt, ein passendes Kleidungsstück für formellere Anlässe - doch sieht sich der Notar gezwungen, auch im Detail auf angemessenen Stil zu achten: Er lässt die traditionell goldenen Knöpfe der Jacke mit blauem Stoff überziehen. Andernfalls, sagt er, hätte er zur Wahl damals gar nicht anzutreten brauchen. "Mit Goldknöpfen sind Sie hier sofort der Wessi."

Hollenders. Anfang der neunziger Jahre nach Dresden zugezogen aus Werne an der Lippe, erfolgreicher Anwalt, Universitätsdozent, glänzende Referenzen, vielfältig aktiv in christlichen Verbänden, wohltätigen Vereinen, als Notar zu Wohlstand gekommen in Dresden, Eigentümer der Prachtimmobilie Königstraße 1, die er aufwändig sanieren ließ, er sieht sich, nicht grundlos, als Gönner der Stadt, die ihn reich machte, ihrerseits.