Der Mittag kam hellgrau über Dresden am 27. November 1995, der erste Ortstermin, und vielleicht war sofort alles Gift in der Welt. Beide Parteien erinnern sich so, Christoph Hollenders sagt, Frau Rudat sei heftig geworden sogleich, sie und ihr Vater würden nicht ausziehen, nein, niemals: "Wir bleiben hier." Gisela Rudat berichtet, Herr Dr. Hollenders habe geschrien ohne Umschweife, sie würden schon sehen, die Zeiten hätten sich geändert: "Im Westen haben auch Eigentümer Rechte." So wird es gesagt, Aussage steht gegen Aussage, alle reden in eigener Sache, und Bitterkeit nistet in jedem Wort.

Vielleicht schlug ein kleiner Zwist im flüchtigen Frost des 27. November 1995 den grellen Grundton an für alles Folgende, eine dissonante Ouvertüre, in der die große Oper schon aufscheint. Ihre Handlung setzt ein vor 300 Jahren, vor 100, vor 50, vor 10 oder 5, das kommt sehr auf die Perspektive an, und gute Gründe sprächen für jede Entscheidung. Vor 300 Jahren baute sich Augusts des Starken Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger ein Sommerhaus am Elbhang, das im vorvergangenen Jahrhundert vererbt wurde an die Familien derer von Watzdorf, von Erdmannsdorf, es wurde vor 50 Jahren nach Staatsgründung der DDR und auch später nicht enteignet, rückte vor gut zehn Jahren, als erst die Mauer fiel und dann die Einheit kam, ins Blickfeld verschiedener Investoren, und vor fünf Jahren fraßen endlich Christoph Hollenders und seine heutige Frau Caroline, geborene Möhring, einen Narren an ihm. Es ist eine ausladende deutsche Geschichte, alles hängt mit allem zusammen, hinter Schleiern liegt, warum alles kam, wie es kam, der Arbeitstitel lautet: "Dinglingers Weinberg" oder "Alle werden auf ihre Weise Verlierer sein".

Dinglingers Weinberg. Flussaufwärts gelegen in der Kette der Elbschlösser mit Namen Albrechtsberg, Lingner, Eckberg, ein spektakuläres Grundstück, nach Süden gewandt, steil sich aufwerfend vom Elbufer weg, 20 000 und ein paar Quadratmeter, mit kleinem Pavillon auf halber Höhe, von dessen Balkon sich Belvedere gut buchstabieren lässt. Dresden, die Türme, zwei Kilometer hin, wie Geschenkfolie glänzt der Fluss. Zum Greifen nah drunten das "Blaue Wunder", die aus Eisen geflochtene Brücke vor dem Weichbild der Sächsischen Schweiz, und, in weiterer Ferne, springt das Erzgebirge auf an spröden Tagen, hin zur Zinnwalder Höhe. Ein schöner Streifen Land, droben ein schmuckloses, stattliches Haus, im ältesten Stück frühes 17. Jahrhundert, zum Wohnen gut 500 Quadratmeter, unterm Dach verrottet ein lustiger Festsaal mit barocker Winduhr im Deckengebälk, angegriffen sind die Gebäude, vom Wetter attackiert, immer aufs Neue geflickt, Kohleöfen, DDR-Inventar, geplatzte Farbe, die Stützhölzer morsch. Trotzdem ein Idyll, und wenn die Sonne scheint: ein Traum. Ein enges bewaldetes Tal bildet die nordwestliche Grenze, Mordgrund genannt. So heißt auch der Bach, der drunten, dünn, im Geländebruch rieselt.

Sogar der Bischof versuchte zu schlichten. Vergeblich

Der Mittag kam über Dresden am 27. November vor sechs Jahren, ein Montag, hellgrau, die Akte "Dinglingers Weinberg" wurde eröffnet, und bald waren sieben Ämter des Dresdner Rathauses nebst Oberbürgermeister verwickelt, zogen elf Landes- und Kommunalbehörden ihre Furchen, ging eine Hölle los, die nun seit fünfeinhalb Jahren lodert, befeuert von sächsischen Ministern, Mandatsträgern, von Museumsdirektoren und Denkmalschützern von nah und fern. Dresdens Stadtrat nahm sich des Vorgangs mehrfach an, eine lärmende Bürgerinitiative verwirrt bis heute die Lage, Europaabgeordnete, Pfarrer, selbst der Bischof von Dresden und Meißen, sie wurden, vergeblich, zu Vermittlern bestellt, die Lokalpresse machte fröhlich Skandal, es fanden Hausdurchsuchungen statt, Beschlagnahmen sind zu verhandeln, Räumungsklagen, Betrugsanzeigen, Dienstaufsichtsbeschwerden, Aktennotizen, Papier: Zweitausend Blatt, es ist eine ausladende deutsche Geschichte, und dabei sind die Schriftsätze der je nach Zählweise zwölf bis siebzehn juristischen Verfahren zu Aspekten der Sache noch gar nicht eingerechnet.

Warum alles kam, wie es kam, Hinweise finden sich im frühen Winter 1998, als Christoph Hollenders daranging, von der CDU als Kandidat für die Landtagswahl nominiert zu werden. Längst lief da die Sache "Dinglingers Weinberg", und er, der arrivierte Jurist, dessen Sachverstand die Regierungsfraktion gut hätte gebrauchen können, verfehlte sein Ziel um eine Stimme, und die Delegierten kürten stattdessen einen jungen sächsischen Bankkaufmann. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte, zu ihrem Ende fehlt, dass Hollenders in den Wochen der Kandidatenkür häufig Blazer trägt, ein passendes Kleidungsstück für formellere Anlässe - doch sieht sich der Notar gezwungen, auch im Detail auf angemessenen Stil zu achten: Er lässt die traditionell goldenen Knöpfe der Jacke mit blauem Stoff überziehen. Andernfalls, sagt er, hätte er zur Wahl damals gar nicht anzutreten brauchen. "Mit Goldknöpfen sind Sie hier sofort der Wessi."

Hollenders. Anfang der neunziger Jahre nach Dresden zugezogen aus Werne an der Lippe, erfolgreicher Anwalt, Universitätsdozent, glänzende Referenzen, vielfältig aktiv in christlichen Verbänden, wohltätigen Vereinen, als Notar zu Wohlstand gekommen in Dresden, Eigentümer der Prachtimmobilie Königstraße 1, die er aufwändig sanieren ließ, er sieht sich, nicht grundlos, als Gönner der Stadt, die ihn reich machte, ihrerseits.

Auf Wanderungen, sagt er, bemerkte er einst den Weinberg, und bald fuhr er Umwege, ihn vom Elbstrand aus anzuhimmeln, bald träumte er sich hinauf und malte sich ein behäbiges Leben aus als großbürgerlicher Hausvater und kleiner Winzer. Eine vielköpfige Erbengemeinschaft von Adel hielt damals die begehrte Immobilie, ihre Mitglieder verstreut in aller Welt, südliches Afrika, Amerika, Europa, darunter Carl-Ludwig von Boehm-Bezing, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG, Frankfurt am Main, A-Turm, Etage 32. Dorthin, dort hinauf fuhr Christoph Hollenders, im November 1995, nervös, eingeschüchtert von der Prominenz des Ortes, aber er konnte rasch überzeugen, dass er das Haus, den Pavillon, Dinglingers Weinberg kaufen wolle, nicht zuletzt um die Anlage als Denkmal wiederherzustellen und zu bewahren. Man einigte sich grob auf einen Preis, 1,56 Millionen Mark, und darauf, dass Verträge gemacht würden. Hochgestimmt fuhr Hollenders heim.

Zum Ortstermin am 27. November 1995, einem Montag, der Himmel hellgrau, von bläulichen Schlieren durchzogen, minus ein Grad, Investor und Mieter standen sich, vielleicht schon feindlich, gegenüber. Wurde geschrien? Die städtischen Akten wissen nur, dass ein paar Tage später der erste Posteingang in der Sache zu registrieren ist. Angela Pfotenhauer, Chefredakteurin der denkmalschützerischen Zeitschrift Monumente, zeigt dem Oberbürgermeister Herbert Wagner, CDU, einen Skandal an: Privatleute, das meint: Hollenders, wollten (von Privatleuten) Dinglingers Weinberg kaufen, wodurch Letzterer "akut bedroht" sei. Hans Nadler, Professor Nadler, Hauptmieter, Vater Gisela Rudats, mit Pfotenhauer persönlich bekannt, werde unwürdig behandelt, indem er desinteressierte Investoren durch die Anlage führen müsse. "Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr dringend", schreibt Frau Pfotenhauer, einen Weg zu finden. Die Stadt solle ihr "Vorkaufsrecht" nutzen und den Weinberg, der die DDR in Privatbesitz überstand, rasch verstaatlichen.

Nadler. 90 Jahre alt mittlerweile, seit 42 Jahren Mieter in Dinglingers Haus, 126,3 Quadratmeter zu 514,42 Mark, Tochter Gisela wohnt mit ihrem Mann Wolf Rudat eine Tür weiter, die Verträge sind alt, das Grundstück, mehr als zwei Hektar, wurde an den Professor verpachtet für 8,35 Mark pro Monat. Nadler ist ein zierlicher Großvater, wach, zugewandt. Und er ist der Mann, der das bisschen Barock bewahrte, das der Krieg in Dresden übrig ließ, der es zäh und trickreich verteidigte gegen die städtebaulich grob gestrickten Genossen an der Macht. Gut 30 Jahre, bis 1982, war Nadler Sachsens Landesdenkmalpfleger und Dresdens Stadtkonservator, das hat ihm die Ehrenbürgerschaft eingetragen von Görlitz und von Dresden, das Bundesverdienstkreuz, den DDR-Nationalpreis III. Klasse, den Europa-Preis für Denkmalpflege, den Schinkel-Ring, den Kästner-Preis des Dresdner Presseclubs, und die Leser der Neuesten Nachrichten wählten ihn im Verlauf der Affäre in die Reihe der 100 wichtigsten Bürger des 20. Jahrhunderts.

Ein Mieter seit 42 Jahren, das heißt, das Haus am Berg ist, natürlich, sein Haus geworden, er hat das Dach gedeckt, die Mauern gesichert, den Bau hat er gehütet, so gut es eben ging, hat ihn bewohnbar gehalten - alles, damit nun einer kommt von weit her, mit einem Scheck bezahlt und sich hineinsetzt wie in ein gemachtes Nest? Hans Nadler macht den Mund schmal und schlägt betrübt die Augen nieder, wenn die Sprache auf "die Sache" kommt, die leidige Affäre, die ihm das Leben vergällt und ihn, so heißt es, mehr als einmal ins Krankenhaus und überhaupt fast unter die Erde gebracht hätte.

Aber er schweigt dazu, ein harter Zug um den Mund, "Wenn man das abschütteln könnte ...", sagt er, nachts schläft er schlecht, Hollenders sucht ihn heim, in seiner Begleitung das Gespenst großer Veränderung, und so spricht der alte Mann lieber über entferntere Vergangenheit und Dresdens Schönheit im Allgemeinen. Einmal, im Herbst 1999, da äußerte er sich doch, in einem offenen Brief, und er endete mit der Bitte, er wolle in Ruhe und Würde "in dem von mir geliebten Grundstück meine Zeit erleben dürfen". Klein sieht er aus, der Alte, sehr klein auf dem buckligen Sofa im überheizten Wohnzimmer am Weinberg, und solange die Geschichten vor dem November 1995 spielen, lacht er oft.

Genia Bleier, das ist eine Lokalreporterin, mit Sprachgewalt stopft sie Nadler aus zum Heiligen, Helden, zum drangsalierten Opfer im großen Klein-klein-Krieg. Der alte Mann wird bald nur noch "Nestor der sächsischen Denkmalpflege" heißen, die Lokalblätter fassen Futter am Weinberg, sie gaukeln mit Wörtern, als wäre es nichts, niemand betroffen und alles nur Spiel, Bild wird fragen: "Denkmal-Papst Nadler: Bald obdachlos?", und diese gespielte Sorge wird zu allen Zeitpunkten grundlos sein.

Aber bald treten Landesminister auf Empfängen an den prominenten Greis heran und "signalisieren Unterstützung", bald grüßt Hollenders häufiger in tückisch lächelnde Gesichter. Trifft er den damals noch amtierenden Justizminister Heitmann, sagt der zu ihm: "Ach, Hollenders, wenn ich Sie sehe, fällt mir immer gleich Nadler ein", und in den Zeitungen steht, groß, dass Oberbürgermeister Wagner auf Neujahrsempfängen die Rolle des Stadtvaters übt und vor 1800 geladenen Gästen kämpferisch ausruft: "Herr Professor Nadler, wir stehen zu Ihnen!"

Hans Nadler wird gebraucht, offenkundig, von vielen Leuten, oft zu seinem Nutzen, nicht immer gegen seinen Willen, als Kontrapunkt jedenfalls zum bösen Dr. Hollenders, über den der Chefredakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten, Dirk Birgel, ein Mittdreißiger, zugezogen aus Dortmund, schreiben wird: "Sein Verhalten ist würdelos, mies, bösartig und abstoßend." So steht es, am 5. Februar 2000, knapp 40 000mal in der Zeitung. In Leserbriefen steht ungefähr das Gleiche. Hollenders gerät in unbehagliche Enge.

Boulevard und Biedersinn einigen sich und zelebrieren ihre bewährten Muster der Welterklärung, Gut gegen Böse, Reich gegen Arm, Fremd gegen Eingeboren, und unter diesen liegt als Kontrabass, hier lauter, da leiser: Ost gegen West. Alle direkt Beteiligten schwören, sonderbar, darum gehe es nicht. Nein, sagen Rudats, sagt Nadler, sagt das Ehepaar Hollenders, sagt man im Rathaus, panisch fast, abwimmelnd, "Ost gegen West? Wirklich nicht", "Schreiben Sie das nicht", "Ach, nein, das nicht, nein", "Wir haben auch so nette Leute kennen gelernt", "Es muss doch einmal Frieden sein". Als wäre Krieg ...

... mitsamt Propaganda. Im Sommer 1999, am 17. Juni, begründet Werner Klawun, ein bis dahin mäßig erfolgreicher Tourismusunternehmer und Organisator von Marathonläufen, nach der Wende zugezogen aus Halle, die Bürgerinitiative Dinglinger Weinberg für Dresden. Im zugehörigen Aufruf heißt es über die Umtriebe "eines gewissen Herrn Hollenders aus den alten Bundesländern", dieser wolle sich den Weinberg "unter den Nagel reißen ... für seine üblen Geschäfte". "Von welcher Sorte Geschäftemacher dieser Typ ist", wettert Klawun, lasse sich daran ablesen, dass er den "Nestor der sächsischen Denkmalpflege ... in fast krimineller Weise drangsaliert". Klawun fragt: "Wozu bezahlen wir an 63 Volljuristen, die leider auch vorwiegend aus dem Westen kommen und bei der Landeshauptstadt angestellt sind, 8000 bis 15 000 DM monatlich aus unseren Steuergeldern?"

Flugblätter aus Dresden vor den Türmen der Deutschen Bank

Klawun. In Briefen an Hollenders' Anwalt und Geschäftsfreund Stephan Freiherr Spies von Büllesheim stellt sich Klawun, so am 16. November 2000, als "Aktivist vom Oktober 1989" vor. Als solcher lasse er sich "durch juristische Drohgebärden" nicht einschüchtern. Immer neue Namen hat sein Verein, immer wenig Mitglieder, "Dinglingerhaus Dresden", "Dinglinger-Gedenkstätte für Dresden", "Dinglinger-Gesellschaft zu Dresden", immer ist Klawun Erster Vorsitzender, gibt den Lokalzeitungen willkommene Anlässe für Ein- bis Vierspalter, "Schützt Prof. Nadler!" wird eine der Kundgebungen heißen, am Körnerplatz, Unterschriftenlisten liegen aus, 800 wird Klawun sammeln, vielleicht auch viele mehr, auch vor Hollenders' Geschäftshaus, Königstraße 1, stellt sich Klawun, den Notar anzuschwärzen. Fieberhafte Aktivität entfaltet neuerlich der Aktivist von 1989, streut Dienstaufsichtsbeschwerden ins Dresdner Rathaus, lädt sich selbst ein zu Gruppenbesuchen des Weinbergs, zu Nadlers Geburtstagsempfängen, und jüngst, im Dezember, sah man ihn gar Flugblätter verteilen in Frankfurt am Main, vor den Zwillingstürmen der Deutschen Bank, "offene Briefe" an Carl-Ludwig von Boehm-Bezing, der mitverantwortlich sei für Hollenders' "Rufmordkampagnen", "Entmietungsaktionen" und sonstige "infam ausgeklügelten Konstruktionen".

Christoph Hollenders wollte einen Weinberg kaufen und ein Haus. Und die Eigentümer, die Familien derer von Watzdorf, von Erdmannsdorf, von der Pforte, von Boehm-Bezing, verstreut über die Welt, wollten an ihn, keinesfalls an den Staat, für 1,56 Millionen Mark verkaufen. In die Präambel des Kaufangebots, unterbreitet am 17. Juli 1996, beglaubigt vom Dresdner Notar Ludwig Warttmann, Urkundenrolle 494/1996, setzen die Unterzeichner Bedingungen ein: Der Käufer erwerbe den Grundbesitz "in der Absicht, das sogenannte Dinglingerhaus denkmalgerecht zu sanieren und das Denkmalensemble als Einheit zu erhalten". Von den Mietern, von Nadler, von Rudats, steht nichts im Vertrag, es geht um Denkmalschutz, eine öffentliche Aufgabe, und also fühlt man sich zuständig im Dresdner Rathaus.

Soll man das Geschäft aushebeln? Ein staatliches "Vorkaufsrecht" geltend machen? Existiert ein solches überhaupt? Oberbürgermeister, Stadtkämmerei, Liegenschafts-, Rechts-, Kultur-, Denkmalschutz-, Grünflächen- und Jugendamt bilden eine Task-Force und diskutieren, die Abteilung Jugend sitzt mit am Tisch, weil für die Finanzierung eines möglichen "Vorkaufs" ein Kinderheim veräußert werden soll. Der Plan einer Kostenrechnung kursiert, 13. November 1996, Geschäftszeichen (48)01/dr, in dem sich in Sachen Dinglingers Weinberg unter "Sanierungskosten" der verräterische Satz findet: "Die Stadt kann in kleinen Schritten, abhängig von den jeweils unabdingbar erforderlichen Baumaßnahmen den Einsatz finanzieller Mittel über Jahre hinweg strecken und ,Luxussanierung' ausschließen." Handschriftlich ist eingefügt, auf der Unterlage des Rechtsamts: "WR Rudat/Nadler 250 m2", in den Akten des Liegenschaftsamts steht, ebenfalls von Hand, auf derselben Unterlage: "250 m2 Wohnfläche für Nagler/Rudat", lies: Nadler/Rudat. Geht es der Stadt nur darum? Um das Wohnrecht des alten Professors und seiner Tochter? Wird dem Nestor der sächsischen Denkmalpflege und der Familie seiner Tochter auf Staatskosten ein Häuschen gekauft? Mischt sich das Rathaus, also: der Staat, völlig rechtswidrig in private Geschäfte? Es will scheinen, tatsächlich, dass in jenen Tagen im Rathaus eine gespenstische Operation ins Werk gesetzt wird: Stoppt Hollenders. Rettet Nadler. Als erklärte eine Stadt einem zugereisten Bürger den Krieg.

Gerüchte machen plötzlich die Runde, finden Eingang in Aktennotizen, in Verwaltungshandeln. Hollenders habe den Prachtbau Königstraße 1 keineswegs vorbildlich restauriert, der Denkmalschutz habe das Gebäude vielmehr gegen den Widerstand des Notars vor dem Schlimmsten bewahren müssen. Hollenders werde auch mit dem Weinberg nicht anders verfahren, heißt es. Aus dem Kaufvertragsentwurf lesen ihm Beamte böswillig die Absicht heraus, er wolle das Gelände zerstückeln und bebauen, Parkplätze seien geplant, niemand könne wissen, was sonst noch. Persönliche Anfeindungen kommen hinzu, Hollenders wird in gewisperten Gesprächen, in gesellschaftlichem Getuschel zum verschlagenen Winkeladvokaten, zum Klugscheißer, zum Wessi. In der CDU beginnt man, ihn zurechtzuweisen oder gleich zu schneiden, im Freundeskreis wird die Scheidelinie, die alte Mauer wieder sichtbar, finstere Sprüche gehen um, auch abgedroschene, dass man Gerechtigkeit gewollt und Rechtsstaat bekommen habe, solche Sachen, und bald machen, beim Elbhangfest etwa, Spottverse auf den Notar die Runde, in Redebeiträgen wird er mit lockerer Zunge "ethisch-moralischer Umweltverschmutzung" bezichtigt, und das Loschwitzer Weindorf serviert, originell, "Dinglingers Rache mit Hollenders Käse".

Was gelten schon Verträge, wenn ein "Investor" unterzeichnete?

Christoph Hollenders wollte einen Weinberg kaufen und fünf, sechs Millionen Mark ausgeben, mindestens, um ein Denkmal zu retten, das er, natürlich, in Teilen auch für sich nutzen wollte, eines Tages. Aber selbst der Wille zum Denkmalschutz wird ihm im beflissenen Eifer behördlicher Prüfung abgesprochen. Man übersieht, dass Hollenders, ein Notar, ein staatlich bestellter Hüter von Verträgen, einschlägige Verträge unterschrieben hat. Aber es scheint, die meisten Dresdner Beamten, der Oberbürgermeister, die Journalisten, Nadler, Rudats, Klawun gehen fest davon aus, dass Verträge sowieso nichts gelten in deutsch-deutsch vereinter Gegenwart, und schon gar nicht, wenn ein "Investor" der Unterzeichner ist.

Es gibt Ausnahmen, die aber Abhilfe nicht schaffen. Der Leiter des Rechtsamts, Dreier, schreibt am 22. August 1996, Geschäftszeichen (30)302, es sei "im Ergebnis festzustellen, dass ein Vorkaufsrecht ... nicht besteht", der Leiter des Liegenschaftsamts, Olbrich, notiert am 27. August, Zeichen D2-23.0l/mo, gegen ein Vorkaufsrecht spreche "die Tatsache, dass die Stadt weder darlegen kann, dass sie das Gebäude selbst sanieren ... möchte und insbesondere auch keinerlei Mittel dafür nachweisen kann", nutzlose Argumente: Der Oberbürgermeister selbst, Herbert Wagner, wird eine Woche später, am 4. September, Mittwoch, früher Nachmittag, am Ende eines Treffens im Rathaus mit dem Ehrenbürger und Nestor der sächsischen Denkmalpflege Professor Nadler, dessen Tochter Gisela und ein paar anderen Leuten völlig überraschend, ja in bestürzendem Widerspruch zur eigenen Verwaltung festlegen: "1. Das Vorkaufsrecht wird ausgeübt werden ..."

Am übernächsten Tag jubiliert die DresdnerMorgenpost: "Zum ersten Mal: Stadt nimmt Investor das Haus weg", die Welt am Sonntag wird formulieren: "Dresden bewahrt Dinglingers Gut" - und der Tenor dieser Meldungen gefällt im Rathaus. Hollenders legt, alarmiert, Widerspruch ein. Der OB weist am 16. September alle Dienststellen an, in Sachen Weinberg, "ohne Absprache mit mir keine Verlautbarungen ... nach außen zu geben". Bis heute sind Anrufe im Dresdner Rathaus sinnlos. Es wird verwiesen an die Presseabteilung, Dr. Höver, Wagners Sprecher. Der aber schweigt vor allem, und was er sagt, hilft kein Stück weiter.

Flüchtiger Frost am 27. November 1995, blaue Stremel in weißgrauen Wolken, vier Menschen im Weinberg, Investor und Mieter, die erste Begegnung. Wurde geschrien? Und schnappte schon Laura, Familie Rudats schwarzbrauner Mischlingshund, nach den Mantelschößen des Notars? Die Hundegeschichte. Sie darf nicht fehlen in einer ausladenden deutschen Erzählung, Christoph Hollenders stattete dem Anwesen einen seiner häufigen Besuche ab, Pfingstmontag 1998, blaue Luft, Juni, die Kinder aus erster Ehe dabei, Freunde, man war eine fröhliche Gruppe, aber unvermittelt wird Hollenders von Laura, das heißt, "von dem unbeaufsichtigten schwarzen Mischlingshund, vor dem Wohnhaus angefallen und dabei erheblich verletzt". War es so? Trug Hollenders "erhebliche" Wunden davon, Bissspuren, Quetschungen? Seine Anwälte tragen derlei vor, es existieren überbelichtete Fotos von geröteter Haut. Rudats, die, allerhöchstens, von einem "harmlosen Schnappen" wissen und den Hund ansonsten verteidigen, erhalten als Mieter am Weinberg die erste Abmahnung und, wegen "fortgesetzter und vertiefter Hundeverstöße", bald eine zweite, am 19. Januar 1999 lässt Hollenders die ordentliche, am 23. März die fristlose Kündigung zustellen, am 26. April die Räumungsklage, die zurückgewiesen wird, und seit dieser Woche ist das Berufungsverfahren im Gange.

Hollenders' Anwälte haben sich dafür gewaltig in die Riemen gelegt, haben in Schriftsätzen Szenarien entworfen für theoretische Fallbeispiele, in denen die beklagten Mieter "statt der bissigen Hunde auf dem Grundstück z. B. einen Löwen gehalten hätten", und gefragt haben sie, pathetisch, ob das Amtsgericht etwa behaupten wolle, "dass einem Mieter nicht gekündigt werden könne, der auf dem Mietgrundstück einen Mordanschlag auf den Vermieter versucht hat"? In den Zeitungen steht etwas von "Hundeposse". Aber Hollenders sagt, er habe vor Hunden Angst. Ansonsten steht bis auf weiteres Aussage gegen Aussage.

Dinglingers Weinberg. Der Ort, der Hügel, das Haus beschäftigen den Notar und seine spätere Frau Caroline vom November 1995 an fast täglich. Wer eine lückenlose Chronologie der Ereignisse erstellen wollte, müsste, buchstäblich, für fast jeden Tag der vergangenen fünfeinhalb Jahre einen Eintrag vorsehen. Christoph Hollenders wollte einen Weinberg kaufen und ein marodes historisches Haus, das sich seitdem täglich ein kleines Stück prächtiger ausnimmt. Die Denkmalfreunde, die Lokalreporter, die Leserbriefschreiber und die Politiker bauen, oft ohne jede Ortskenntnis, an einem göttlichen Luftschloss. Es will scheinen, der Rest der Welt habe die längste Zeit eines der ganz großen Meisterwerke abendländischer Bau- und Gartenbaukunst ignoriert. Das Ensemble am Elbhang wird in Dresden bald in einem Zug genannt mit Goethes Gartenhaus in Weimar, mit dem Salzburger Mozart-Haus, die Dresdner Zeitungen widmen ihm halbe und ganze Sonderseiten, und der brave Goldschmied Johann Melchior Dinglinger, zweifellos ein Meister seines filigranen Handwerks mit einem zweifellos schönen Sommersitz, rückt unversehens auf zum europäischen Genie, das in einem Palaste sommers Hof hielt.

Vielleicht war alles Gift von Anfang an in der Welt, vom 27. November 1995 an, erster Ortstermin, vier Menschen treppauf, treppab den Weinberg. Jedenfalls wurde von da an nichts besser, nur alles hässlicher. Weit sind die Wege vom Beginn der Geschichte in ihre Verästelungen im Laufe eines halben Jahrzehnts. Weit auch der Weg, bis Hollenders anfängt, schlecht zu reden, zu kujonieren, bis er den Wessi wirklich gibt, zu dem ihn andere stempeln. Wenn Rudat junior vor der Einfahrt zum Weinberg parkt, lässt er scharfe Drohbriefe schicken, wenn er nur von ferne eine Hundeschnauze sieht, setzt es Verwarnungen. Ausgerechnet am Tag des offenen Denkmals 1999 fängt sich der Notar den Vorwurf ein, er habe Nadler öffentlich als Schranze des DDR-Systems beschimpft. Zeugen sagen aus, an Eides statt, Hollenders habe, bei einer Führung am Weinberg, den alten Professor als "Honecker-Bonzen", vielleicht auch "SED-Bonzen" tituliert, der Notar bestreitet das, niemand glaubt ihm. Und ein Stadtrat der Grünen, Pröhl, wird fordern, die Stadt solle den Notar Dr. Hollenders künftig "geschäftlich meiden".

Christoph Hollenders wollte einen Weinberg kaufen und ein Haus, und die Eigentümer wollten an ihn verkaufen, nicht an den Staat, sie wollten unbedingt Hollenders mit Berg und Denkmal betrauen, und so gründeten sie, weil der Staat, Abteilung Dresden, mit Verstaatlichung drohte, weil sie an Privat, an Hollenders, nicht verkaufen durften, vor dem Frankfurter Notar Kersten von Schenck, am 26. November 1996, Urkundenrolle 19/1996, zum Zwecke des Erhalts des Dinglingerschen Anwesens eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, in der Christoph Hollenders sogleich Gesellschafter wurde und in einem Zug auch Geschäftsführer mit voller Prokura. Ein Donnerschlag: Hollenders wird, ohne Käufer zu sein, zum neuen Herrn des Weinbergs. Ein Trick? Ein "Umgehungsgeschäft"? Eine Straftat?

Die Jagd beginnt, und der Notar kämpft ums berufliche Überleben

Niemand will diese spitzen Fragen klären, ein Status quo stellt sich ein, für lange. Hollenders betreibt als Geschäftsführer der Gesellschaft die Aufrebung des Hügels, der die meiste Zeit gar kein Weinberg, sondern räudiges Brachland war, von Gesträuch überwuchert. Caroline Hollenders, studierte Biologin, setzt sich auseinander mit den Herren von Grünflächenämtern, Umweltabteilungen, Forstdirektionen, Regierungspräsidien, elf Behörden sind zuständig für den Kasus, sie füllen weitere Ordner, erzählen gemeinsam einen sehr langen, sehr guten Witz ohne Pointe, höchstens der, dass nun doch Traminer und Riesling auf den Terrassen stehen, zur Elbe hinunter, Südlage.

Das Ehepaar Hollenders ist oft auf dem Grundstück in jenen Tagen, allein oder mit Winzern, mit Experten, unberechenbar, mal mit, mal ohne Anmeldung, immer betont selbstverständlich, man vertritt schließlich geschäftsführend die Eigentümergesellschaft. Die Mieter müssen diese Auftritte still verfolgen, ohnmächtig angespannt, lässt sich denken, und auch die Besucher draußen durchstreifen das Gelände mit der Faust in der Tasche, mutmaßlich. Auf den Terrassen der Wein, schön, besonders bei Sonne.

Es ist Klawun, der Erste Vorsitzende, der 89er, der Anzeige erstattet gegen Hollenders, wegen Betrugs, "Umgehungsgeschäft", darauf ist die Stadt nicht gekommen, die Staatsanwaltschaft prüft, ermittelt. Am 15. Februar 2000, morgens, stehen vor Hollenders' Kanzlei fünf Beamte, vor seiner Privatwohnung acht, alle befugt, Schränke zu öffnen und Schubladen zu ziehen, großer Bahnhof, und seither läuft des Notars Kampf ums berufliche Überleben. Noch hat sich kein Richter gefunden, der die Sache in der Hauptverhandlung eröffnen will, aber, sagt Hollenders, eigentlich reiche schon der Verdacht, um einen Notar zu erledigen. Das Justizministerium prüft an seiner Zulassung herum. Der Wessi mit den kaschierten Goldknöpfen, der Täter ist Opfer geworden. Die Jagd begann, als alle auf ihn als den Jäger zeigten.

Ist er, Hollenders, der erfolgreiche Anwalt, der Universitätsdozent, zugezogen nach Dresden aus Werne an der Lippe, unschuldig ins Zentrum einer maßlosen Kampagne geraten? In eine Affäre, gestrickt aus kleinen Intrigen, großen Verlogenheiten? Hollenders sieht sich im Recht und gnadenlos behandelt. Nichts an der Sache sei rechtswidrig, er sei "pingelig", was Verträge angeht, ein Notar eben, er mache keine krummen Dinger, einen Weinberg habe er kaufen wollen, ein Denkmal, es zu retten, und gegen die Mieter, Rudats, Nadler, gegen die habe er nichts, nie etwas gehabt, natürlich, ein Rechtsstreit, nichts Persönliches, da müsse man trennen. Vielleicht ist das sein Fehler, seine Schuld, dieses Trennenkönnen, wo alle anderen einfach sagen: Der arme alte Mann.

Es bahnte sich ein Geschäft an, eine x-beliebige Immobiliensache, am 27. November 1995, Montag, hellgrau der Himmel. Damals begannen viele Geschichten, ein Investor beging ein Objekt, und Mieter fürchteten um ihre Wohnung. Hans Nadlers Mietvertrag war dabei, unkündbar ohnehin nach all den Jahren, eigentlich nie ein Thema. Zu keinem Zeitpunkt bestritt Hollenders dem alten Professor das Wohnrecht. Der Tochter kündigte er am Ende, nicht dem Alten, das wird ihm als Zynismus ausgelegt, weil der Alte die Tochter doch brauche; aber es stimmt eben auch, dass sich Hollenders lange Zeit um eine Lösung für alle bemühte.

Er bietet als Ersatz Wohnungen an, ein paar Häuser weiter, am Elbhang, 4000 Quadratmeter Garten. Er bietet ein Wohnprojekt an, es könnten, vielleicht, alle gemeinsam, Nadler, Rudats, Hollenders, am Weinberg leben, grotesk klingt das heute, aber es gab diesen Plan, er wurde erörtert, ernsthaft, Wolf und Gisela Rudat, Christoph und Caroline Hollenders saßen am runden Tisch, ohne Anwälte, man trank Wein, man aß zu Abend, vergebens. Auch der Deal, die ganze Familie könnte gegen Geld die Anhöhe räumen, zerschlägt sich, ihr Anwalt zieht das Geschäft im Sommer 1996 schriftlich zurück, der "genannte Betrag von 300 000 Mark ist vom Tisch. Unsere Mandanten werden weder gegen eine höhere noch gegen eine niedrigere Zahlung das Anwesen räumen."

Es will scheinen, im Nachhinein, es hätte immer wieder kurze Phasen gegeben, in denen alles anders, vielleicht sogar gut hätte werden können, als hätten Türen offen gestanden, Ausgänge aus dem Labyrinth. Aber es gerieten alle in die Irre und führten Spiegelfechtereien auf, immerzu. Es ging um die Frage, nicht zuletzt, wer in diesem Weinberg leben darf, und darauf gab es viele rechtliche, moralische, historische, ökonomische, ostdeutsche, westdeutsche Antworten. Aber alle direkt Beteiligten taten und tun so, als sei es um diese Frage und die vielen Antworten nie gegangen. Über Denkmalschutz wurde viel, sehr viel gesprochen, über Behörden, über Bäume, über Paragrafen, aber viel zu wenig wurde geredet über einfache Hoffnungen. Es wurden Mandanten aus Menschen, und Anwälte kommunzierten an ihrer statt.

Wie kam ganz genau, was kam? Warum will Dresden, die Stadt, bis heute, exakt ein einziges altes Gebäude kaufen oder "vorkaufen": Dinglingers Weinberg? Warum will sie ansonsten viele Häuser, Denkmäler, schnell loswerden an interessierte Käufer? Neulich erst veräußerte man das Körner-Haus, Fachwerk, am Elbhang, in Dinglingers Nähe, im Besitz einst des Vaters von Theodor Körner, verbürgter Treffpunkt von Schiller, Goethe, auch Mozart war da, verkauft. Ein "Frühjahr der Grundstücksverkäufe" vermeldet die Sächsische Zeitung, Villen sind zu haben, am Elbhang, eine davon mit 11 000 Quadratmeter Grund, Südlage, zum Fluss hin, Häuser im historischen Zentrum, geschichtsträchtige Immobilien, alle verkäuflich, nur nicht: Dinglingers Weinberg.

Ein magischer Ort vielleicht, wo sich viele Träume kreuzen und viel Geschichte überlagert, die älteste Schicht 300 Jahre tief. Ein Ort vielleicht, den niemand wirklich besitzen soll, weil er allen gehört und nicht aufzuwiegen ist mit Geld. Dinglingers Weinberg. Flussaufwärts gelegen in der Kette der Elbschlösser, ein Streifen Land, nach Süden gewandt, mit kleinem Pavillon. Droben ein Haus, Postkarten aus Deutschland ringsum: Dresden, die Türme, davor der Fluss wie Geschenkfolie, gerade zu das Erzgebirge, die Sächsische Schweiz. Ein Idyll. Ein enges Tal bildet die nordwestliche Grenze, Mordgrund genannt. Drunten rieselt ein Bach.