Auch Computer-nerds werden neuerdings sentimental. Vielleicht liegt es ja an der aktuellen Krise des Netzgewerbes, welche die IT-Experten ins Jammertal der Erinnerungen treibt. Programmierer, Webdesigner oder Contentstrategen und fast alle Schlaumeier, die heute ihr Geld in der New Economy verdienen und verlieren, hatten irgendwann einmal diesen legendären Computer Commodore 64 im Jugend- oder Bastelzimmer stehen. »Männo, wer hat eigentlich meine M*A*S*H-Videos, meinen Zauberwürfel und den SID-Chip?«, hört man sie plötzlich seufzen. »Welcher SID-Chip?«, fragen Ahnungslose, die ihre Jugend lieber vor der Cortina-Eisdiele verbrachten, statt sich daheim Programmiersprachen einzupauken. »Na, der 8-Bit-Klangchip mit Sound Interface Device! Damit haben wir Synthie-Pop gemacht, cooler als Soft Cell besser als Yazoo.« Ach so ...

Wie schön, dass nun auch Ignoranten in den geheimnisvollen Klangkosmos des C 64 eingeweiht werden: Die CD Input 64 versammelt Synthesizermusik, die in den Achtzigern für C 64-Computerspiele programmiert wurde. BMX Kidz , Insects in Space oder Bubble, Bobble hießen die Spiele. Ihre Soundtracks aus dem SID-Chip klingen heute wie holprige Punk-Versionen von Modern Talking und teilweise sogar erstaunlich zeitgemäß.

Man kann sich wunderbar vorstellen, wie diese hysterischen Begleitmelodien in Low-Fidelity-Qualität damals pickelige Stubenhocker zum munteren Auffressen, Jagen und Abballern animierten. Zwischen endlosen Stakkato-Beats und albernen Melodien hört man hin und wieder eine panische Computerstimme »The Gap!« rufen oder die nasale Aufforderung, sich doch bitte etwas mehr anzustrengen.

Das Cover von Input 64 zeigt die typischen Pixel-Klötzchen des C64-Grafik-Programms, und ein üppiges Beiheft feiert die Erfolgsstory des populärsten Heimcomputers aller Zeiten. Die Botschaft ist unmissverständlich: Früher waren nicht nur die Literatur, der deutsche Fußball und die Wurst, sondern auch die Computerkiste besser. Wie heißt es doch in dem alten Commodore-Handbuch, das ich neulich in einem Antiquariat entdeckte? »Mit dem C64 sind die Gelegenheiten für schöpferische Bemühungen beinahe so unbegrenzt wie die menschliche Einfallskraft.« Wer also seine Teenagerjahre mit dem BMX-Rad auf der Straße verbrachte, scheint wirklich etwas Entscheidendes verpasst zu haben.

»Input 64« Enduro/L'Age D'Or, www.c64.org