Ein Blick vom Balkon, und die Welt ist aus den Fugen. Hier bebt die neue Zeit. Eine Baustelle bricht auf. Mauern schwanken. Gerüste wachsen. Männer arbeiten. Frauen stehen auf Balkonen und dürfen zusehen, wie die Stadt zum Kaleidoskop des Aufbruchs wird. Lärmend bunt tritt sie auf, als zersplitterte Erscheinung verkanteter Formen. Was geschieht, zeigt sich simultan: Wahrnehmung und Empfindung. La strada entre nelle casa von 1911, das Gemälde des damals knapp 30-jährigen Umberto Boccioni, ist ein historisches Programmbild der futuristischen Bewegung in Italien. Mit der Konstruktion einer ins Haus dringenden Straße lieferte diese früheste, zunächst literarisch aufbegehrende Antikunst des 20. Jahrhunderts eines ihrer ersten unübersehbaren Signale. Im Dienste ihrer neuen geeinten Nation wollten die Futuristen alles umstürzen: die Kunst, die Bibliotheken und Museen, überhaupt alle Traditionen ihres Landes. Der Lärm der Straße - Italienischer Futurismus 1909-1918 lässt im Untertitel der hannoverschen Ausstellung Boccionis Komposition, überhaupt die damalige Malerei der Töne, Geräusche und Gerüche anklingen. Gezeigt wird die erste, siegesbewusste Phase der Umstürzler, die Zeit zwischen dem 1. Manifest des Literaten Marinetti und dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Futuristen waren sich prinzipiell selbst genug. Aber während sie mit der Pariser Avantgarde Kontakt hielten, während die Maler unter ihnen vom Kubismus so etwas wie den mathematischen, formzerlegenden Unterbau für ihre eigenen unbestimmten und unbestimmbaren Gemütsbewegungen übernahmen, hielten sie von deutscher Kunst und Kultur nichts. So wie man in Berlin den nationalistisch auftretenden jungen Herren aus Mailand eher zurückhaltend begegnete. Dass Marinetti, der in Europa tourende Propagandist, nach 1919 zum Weggefährten Mussolinis wurde, dass der Rest der Bewegung in mehr als gefährliche Nähe zum Faschismus geriet, machte deren Rezeption nach 1945 nicht einfacher. Kein Wunder, dass das Sprengel Museum dem Informationsbedarf mit einem Handbuch nachkommt. Und ein größeres Wunder, dass die Schau das dynamische Lebensgefühl futuristischer Produktion nun so frisch, so unmittelbar und dank der zeitlichen Eingrenzung auch so unschuldig aufleben lässt. Die futuristischen Himmelsstürmer "auf dem äussersten Vorgebirge des Jahrhunderts" und im Besitz der "ewigen, allgegenwärtigen Schnelligkeit" werden in Hannover sinnfällig und klar präsentiert.

So können sie denn leben. Die hochgemuten Aufrufe, zum Beispiel: "Jede Form von Originalität verherrlichen, auch wenn sie toll und ungestüm ist!" Oder die auch kalligrafisch anregenden Briefe, die literarischen Exerzitien der "Befreiten Worte", die Architekturzeichnungen nie gebauter Häuser und die aus den Verschattungen des Symbolismus um 1900 heraustretenden Bilder, Skizzen und Skulpturen.

Des Lebens Wirbel - ein Jungmännertraum, der in der bildenden Kunst die sichtbarste Gestalt annimmt, im Sog vibrierender Linien, nervöser Kurven und mit der Spirale als elementarer Form. Es ist eine spezifische Sensibilität, von Rebellion und dem Vertrauen in die Unaufhaltsamkeit technischen Fortschritts geleitet, auf der Suche nach einer von Bewegung erfüllten Wirklichkeit. Aus der Überzeugung, dass ein Rennwagen schöner sei als die Nike von Samothrake, erwuchs die Gestalt des futuristischen Helden: Radfahrer, Rennfahrer, Flieger. Bergsons Lehre vom élan vital hatte eben auch auf Italien übergegriffen und ließ den einzigen futuristisch denkenden Architekten, Antonio Sant' Elia, 1914 zu der Erkenntnis kommen, dass Häuser kürzer als Menschen leben sollten: "Jede Generation wird sich ihre Stadt bauen müssen."

Die Bilder, die Gedanken, der Aufbruch gingen im Ersten Weltkrieg unter. Die Männertruppe der Futuristen, fasziniert vom Krieg als Schauplatz für Helden und reinigendes Stahlgewitter, folgte Marinetti in das Lombardische Freiwilligenbataillon der Rad- und Automobilfahrer. Sant' Elia fiel 1916.

Boccioni, der erfindungsreichste unter den bildenden Künstlern, starb im selben Jahr, nach einem Reitunfall im Militärdienst. Carlo Carrà schloss sich De Chirico und der Pittura Metafisica an. Balla und Severini malten fortan gegenständlich. Sironi ging eine liaison dangereuse mit den Faschisten ein.

Der Futurismus hatte sich erschöpft, Anarchie als Prinzip nationaler Erneuerung keine Zukunft. Als befreiendes Prinzip jedoch lebte sie in Dada und Surrealismus weiter.