Gestandene Börsianer verstehen die Welt nicht mehr. Die Anleger haben nach der Euphorie des Winters 1999/2000 das Vertrauen in den Neuen Markt verloren. Das ist verständlich. Aber dass auch die Standardwerte des Deutschen Aktienindex massiv von der schlechten Stimmung erfasst werden, ist kaum zu begreifen. Angesichts der erwarteten Wirtschaftsentwicklung in Euroland sei "das Unterschreiten der Marke von 5600 Punkten im Dax nicht zu begründen und eher den psychologischen Übertreibungen ins Negative zuzuschreiben", heißt es bei der Bankgesellschaft Berlin.

Im langfristigen Vergleich ist das Bewertungsniveau am Aktienmarkt zwar immer noch hoch. Doch darauf kontern langjährige Beobachter mit der Bemerkung: "Ja, aber die niedrigen Zinsen ..." Jahrzehntelang waren die Zinsen ein verlässliches Barometer für die Stimmung am Aktienmarkt. Wer bis Anfang der neunziger Jahre beim zyklischen Höchststand der Umlaufrendite öffentlicher Anleihen Aktien gekauft und am Zinstiefpunkt verkauft hat, der konnte satte Kursgewinne einfahren. Ein Vergleich der Kurven von Dax und Umlaufrendite zeigt jedoch, dass der einst enge Zusammenhang heute nicht mehr besteht.

Noch beim Zinshöhepunkt im Herbst 1990 stimmte die Theorie: Von nun an sanken die Zinsen, und der Aktienmarkt haussierte, unterbrochen nur durch den Kursabsturz infolge der Finanzkrise in Asien vom Herbst 1998. Diese Krise veranlasste die Notenbanken der USA und Europas, aus Angst vor einem weltweiten Finanzkollaps die Geldhähne zu öffnen und die Zinsen auf ein extrem niedriges Niveau zu drücken. Im Januar 1999 erreichte die Umlaufrendite öffentlicher Anleihen mit unter 3,5 Prozent ein historisches Tief. Nach herkömmlicher Logik war der Moment erreicht, an dem man Aktien hätte verkaufen sollen. Doch die Anleger taten das Gegenteil und kauften Aktien. Nun erst setzte die Börse zu dem Kursfeuerwerk an, das den Dax von 5000 auf über 8000 Punkte katapultierte - während der Kapitalmarktzins zu steigen begann.

Jetzt rächt sich die Fehleinschätzung der Lage: Die Aktienkurse stürzen ab.

Und bislang weiß niemand, ob der Dax bei 5000 Punkten, die bereits zum Verkaufszeitpunkt von 1999 erreicht waren, seinen Boden findet. Eigentlich hätten die Kurse seit zwei Jahren sinken müssen. Das deutet darauf hin, dass die Baisse bei 5000 Dax-Punkten ihr Ende noch nicht erreicht haben muss.

"Aber die wirtschaftliche Lage ist doch gar nicht so schlecht", wird immer wieder eingewendet, "und bei Wachstumsraten von 2 bis 2,5 Prozent in diesem Jahr steigen die Unternehmensgewinne in Europa weiter." Alle Prognosen der Ökonomen bestätigen dies. Nur wird dabei nicht bedacht, dass festverzinsliche Wertpapiere im Vergleich zu Aktien attraktiver werden, je höher der Kapitalmarktzins steigt. Gleichzeitig nimmt die relative Attraktivität der Aktien ab.

Aber der Kapitalmarktzins sinkt schon seit mehreren Monaten, könnte man weiter einwenden. Tatsächlich ist dies nicht allein das Verdienst von Alan Greenspan, dem US-Notenbankpräsidenten, der in diesem Jahr bereits dreimal die amerikanischen Leitzinsen gesenkt hat. Vielmehr sinkt der Kapitalmarktzins derzeit in Euroland, weil viele Anleger angesichts des Kurssturzes an der Börse ihr Kapital von Aktien in weniger risikobehaftete Anleihen umschichten.