Seit den achtziger Jahren spielt der israelische Historiker Gabriel Gorodetsky eine wichtige Rolle in der Kontroverse um den 22. Juni 1941, den deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Er profilierte sich als Kontrahent von Wiktor Suworow, der Stalin der Vorbereitung eines Aggressionskrieges gegen das nationalsozialistische Deutschland bezichtigte. Nun hat Gorodetsky die Bilanz seiner langjährigen Forschungsarbeit vorgelegt. Er konnte sich Zugang zu russischen Archiven verschaffen, die selbst führenden einheimischen Wissenschaftlern verschlossen sind. Mit reichem Quellenmaterial hat der Autor bestätigt, was seit längerem Stand der internationalen Forschung ist, sieht man von einzelnen Außenseitern ab: dass von einem Präventivkrieg Hitlers gegen einen unmittelbar bevorstehenden Angriff Stalins nicht die Rede sein kann. Daher ist der Anspruch, einer "in die Sackgasse geratenen Geschichtswissenschaft" mit seiner Studie den Weg neu zu weisen, wohl etwas überzogen.

Gorodetsky widmet sich insbesondere der Entwicklung des britisch-sowjetischen Verhältnisses von 1939 bis 1941

er untersucht die Kollision der Großmächte auf dem Balkan und behandelt im Detail die Kriegsvorbereitungen der Sowjetunion. Kernthese ist, dass Stalins Handeln seit 1939 von Furcht vor einem militärischen Konflikt mit Deutschland bestimmt gewesen sei, den der sowjetische Diktator unter allen Umständen verhindern wollte. Spätestens nach dem verlustreichen sowjetisch-finnischen Winterkrieg wurde ihm bewusst, dass die Rote Armee schwerwiegende Mängel aufwies, die durch eine umfassende Reorganisation behoben werden sollten.

Die Rote Armee wurde nicht rechtzeitig mobilisiert

Gorodetsky führt die Schwäche der sowjetischen Streitkräfte auf die Großen Säuberungen zurück, in denen die Führung der Roten Armee gleichsam enthauptet worden war. Das Dilemma Stalins bestand aus der Sicht des Autors darin, einerseits die sowjetische Neutralität zu erhalten, andererseits ein legitimes "nationales Interesse" zu vertreten und in diesem Rahmen auf sowjetisch kontrollierte Sicherheitszonen an den Grenzen der UdSSR zu bestehen. Diese Politik führte seit Sommer 1940 zu einem Ringen zwischen Deutschland und der Sowjetunion um Einfluss auf dem Balkan, vor allem auf die strategisch wichtigen Staaten Rumänien, Bulgarien und die Türkei.

Der Autor hält an der alten, von der Forschung überholten These fest, Hitler habe sich bis zum November 1940 noch nicht auf den Russland-Feldzug festgelegt, sondern die Beherrschung des Balkans zur Schlüsselfrage für die Entwicklung des deutsch-sowjetischen Verhältnisses gemacht. Dabei lässt er außer Acht, dass der Diktator das Treffen zwischen ihm und dem sowjetischen Außenkommissar Molotow in Berlin im November 1940 weniger aus außen- als aus innenpolitischen Gründen benötigte, denn in Teilen der NS-Eliten war der Russland-Feldzug zu dieser Zeit noch umstritten. Daher täuschte Hitler vor, ein weiteres Abkommen mit der Sowjetunion anzustreben. Die Forderung Molotows nach sowjetischen Einflusszonen nutzte Hitler im Folgenden geschickt aus, um die Präventivkriegsthese zu konstruieren.

Gorodetsky stellt die Planungen der sowjetischen militärischen Führung in aller Breite vor. Er begegnet damit überzeugend einem Fehler, der in der Historiografie wiederholt gemacht worden ist: von der offensiven Militärstrategie der sowjetischen Streitkräfte auf einen Aggressionskrieg zu schließen, den Stalin angeblich plante. Schon vor Gorodetsky haben Historiker in Ost und West mit sowjetischem Quellenmaterial diesen Irrtum ausgeräumt. Es ist das Verdienst des Autors, nun weitere Quellen hinzuzufügen, die den defensiven Aufmarsch der Roten Armee belegen. Ihr Verteidigungskonzept sah vor, den Angriff des Feindes abzufangen, um ihn danach in einer begrenzten Offensive auf seinem eigenen Territorium aufzureiben.