Der Zufall. Die Fachleute sprechen von Kontingenz. Sie meinen damit auch den Skandal, der die Human- und Geisteswissenschaften bis hin zur Theologie seit ihren Anfängen umtreibt. Etwas Nichterklärbares, Unbegreifliches, das Loch in der Kausalkette, das für ein Ereignis oder sein Ausbleiben verantwortlich ist. Tom Tykwers Film Lola rennt stellt diesen Skandal auf sinnfällige Weise dar. Ein, zwei Sekunden später, und schon sieht eine ganze Kette von Ereignissen völlig anders aus. Erst einmal Faktum geworden, scheint das Geschehene auch notwendig. Ödon von Horvath, der Dichter, wurde auf den Champs-Élysées in Paris von einem abgebrochenen Ast erschlagen. Ein bellender Hund, ein Vogel, ein Aufblicken Lolas, die geringfügigste Verzögerung, hätten ausgereicht, um das Geschehen des Geschehens zu verhindern.

Der Tod ist ein privilegierter Partner der Kontingenz. Die beiden betreiben ein gemeinsames Geschäft: Sie machen die Zeit zeitlos. Er bezeichnet auch den Augenblick, an dem der Ablauf der Zeit in die Ewigkeit springt (was noch in dem Kalauer "Wer früher stirbt, ist länger tot" aufscheint). Zeit und Zufall verbinden sich. Natürlich hätte sich der Filmregisseur in DeLillos neuem Roman auch später oder früher umbringen können.

Don DeLillo setzt, vertrackt raffiniert, mit einer Rückblende ein. Das Spiel beginnt also noch einmal von vorn. Sie sitzen in der Küche und frühstücken: Rey Robles, ein ehemals bekannter und erfolgreicher Filmregisseur, und seine dritte Frau Lauren Hartke, eine Performance-Künstlerin. The Body Artist heißt der schmale Roman im Original.

Es sind die üblichen Plattheiten, die sie beim Zeitungslesen austauschen. Er will ihr etwas sagen, vergisst aber, während er es ihr annonciert, was er ihr sagen will. Dann fällt es ihm wieder ein. ",Ja genau. Ich weiß, was es war', sagte er." Sie geht zum Kühlschrank, sucht aber eigentlich die Sojakörner aus dem Küchenschrank, sagt: ",Was?' Meinte: was hast du gesagt?, nicht: was wolltest du mir sagen?" Jetzt, nachdem es ihm wieder eingefallen ist - "Etwas Belangloses" -, will er es aber nicht mehr aussprechen. "Sie brauchte sein Gesicht nicht zu sehen, sie wußte es auch so."

So verhält sich ein altgedientes Ehepaar, mit jener gleichgültigen Vertrautheit, in der sich Enttäuschung, Resignation und Zuneigung die Waage halten. Sie trinkt, noch im Stehen, ein Glas Milch und klaubt sich plötzlich ein Haar aus dem Mundwinkel. Starrt es verwundert an. Er fragt: ",Trinkst du Saft?'" Sie antwortet: ",,Was? Nie getrunken, das Zeug. Weißt du doch. Wie lange leben wir jetzt zusammen?' ,Nicht lange', sagte er."

An dieser Stelle, ziemlich zu Anfang des Romans, liest sich diese Aussage noch wie eine weitere Gedankenlosigkeit. Dann reden sie weiter über das Haar.

Mit penetranter Genauigkeit werden diese Banalitäten beschrieben. Das Frühstück löst sich in eine Zeitlupe auf, es wird wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet. Die übergenaue Präzision scheint grotesk.