Peru hat alles, was das Herz begehrt. Von den Kokablättern wollen wir an dieser Stelle schweigen, weil ihr Genuss den Zähnen schadet und die Weiterverarbeitung auch in Peru verboten ist. Aber die Landschaften, das Hochgebirge, die Küste, der Regenwald, alle Zustände der Natur sind, man muss es zugeben, selbst bei größter Blasiertheit, ein Erlebnis

vor allem aus der Luft. Vom Boden sieht dann manches anders aus. Aber die Anden zum Beispiel, vom Flugzeug aus gesehen ... Über die Anden kann man ins Grübeln kommen. Durchs Kabinenfenster zeigt sich, gewaltig gebauscht und pompös geplustert, so etwas wie ein riesiges Ballkleid aus dunkelbraunem Seidentaft, das neben den vorgesehenen Falten hundert kleinere, kreuz und quer laufende, in einer rauschenden Nacht eingesessene, eingetanzte, von feurigen Verehrern eingeknutschte Falten trägt.

Die Anden, mit einem Wort, machen einen ziemlich erschöpften, um nicht zu sagen: leicht verschlampten Eindruck. Diese Braut hat viele Eroberer gehabt und verschlissen. Die Inka, die für wenige Jahrhunderte ein Riesenreich zusammenrafften, die Spanier, die es in wenigen Jahren zerstörten, und ein kränkelnder Schöngeist namens Simon Boløvar, der die Dame zur Sonne, zur Freiheit führen wollte, in Wahrheit aber in die Arme der nordamerikanischen Konzerne und Narko-Barone unserer Tage trieb. Doch blinken in ihrem Kleid noch immer einzelne Pailletten. In der trockenen, endlosen Steppe funkelt es, ein Labsal dem durstigen Auge, wie von tausend Tümpeln. Es sind aber, wie der Landeanflug zwingend beweist, die Wellblechdächer, die von den Lehmhütten funkeln.

Nie in meinem Leben habe ich so viele nagelneue, frisch verzinkte Wellblechdächer gesehen wie auf dieser Hochebene, dem Altiplano von Peru.

Eine Drückerkolonne von Blechvertretern (unweigerlich denkt man an Danny De Vito) hat hier das Geschäft ihres Lebens gemacht. Selbst der Titicacasee im Abendsonnenschein glänzt nicht so schön wie die Dächer von Puno und Juliaca.

Sie sind nur, das macht ihr Elend aus, vom Boden aus nicht mehr zu sehen. Vom Boden, von den Straßen aus zeigen sich die Städte grässlich entfärbt und aus demselben Stoff wie die umliegenden Berge gemacht, nämlich aus dem Lehm der Adobe-Ziegeln, der nach einem bösen Wort des peruanischen Romanciers Mario Vargas Llosa an Scheiße erinnert.

Peru, das wird auch dem flüchtigsten Besucher einleuchten, hat die Kraft, in seinen begabtesten Söhnen jene Verzweiflung zu züchten, aus der Weltliteratur entsteht. Und was für eine! Vargas Llosas Roman La catedral, der Aufstieg und Sturz des Diktators Odra und seines Geheimdienstchefs in den fünfziger Jahren schilderte, liest sich heute wie das Drehbuch zu dem Ende Fujimoris und Montesinos im vergangenen November, bis in Details der Flucht und Geldkoffer hinein. Was fehlt dem Buch zum Verständnis der heutigen Verhältnisse? Nichts außer der Inka-Cola, dem giftgelben Konkurrenzgetränk zur nordamerikanischen Cola.