Es war, so lassen es die Berichte vermuten, einer der glücklichsten Tage des 19. Jahrhunderts. Am 20. September 1870 eroberten die Truppen des Königreichs Italien Rom, um es zur neuen Hauptstadt zu machen. Ein zehnjähriger diplomatischer Stellungskrieg war vorausgegangen, aber der Feldzug selbst war kurz und schmerzlos gewesen. Nach dreistündigem Bombardement und 40 Minuten Gefecht strömten 35 000 Soldaten in die soeben noch von einem internationalen päpstlichen Corps verteidigte Stadt. Schon am Nachmittag entwickelte sich ein Straßenfest, das zwei Tage ohne Unterbrechung weiterging und in immer neuen Höhepunkten nationaler Begeisterung gipfelte.

Man umarmte sich, man machte Musik, die Limonaden- und Kaffeeverkäufer verschenkten ihre Getränke literweise an die neuen Mitbürger. "Das Gefühl der Italianità bahnte sich seinen Weg in die Herzen Aller", fasste ein Augenzeuge den Inhalt der Begeisterung zusammen. Italia docebat: Diese kollektive Jubelstunde war eine Generalprobe jener nichtrevolutionären Massenversammlungen, die bald überall in Europa das abstrakte Gebilde Nation anschaulich machen sollten.

Der Nationalismus (um die Sache gleich bei ihrem unbeschönigten Namen zu nennen), diese zäheste, primitivste, unterschätzteste aller Ideologien der Moderne - recht eigentlich das Unkraut unter ihnen -, ist heute in Deutschland eine Sache der Unterschicht. Sein sozialer Status entspricht dem der Jogginghose, des Ballermanns, des Urlaubs auf Mallorca. Das macht ihn so attraktiv für die Politik und die Boulevard-Medien. Dass Guido Westerwelle mit ihm kokettiert, liegt auf der Linie seines Auftritts bei Big Brother.

Diese soziale Konstellation hat es schon im 19. Jahrhundert gegeben. "Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz", erklärte des Geistesaristokrat Arthur Schopenhauer in den Parerga und Paralipomena. "Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz seyn könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen theilt (...) Jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn." Das war in der Tat der gesellschaftliche Sinn und das Versprechen des Nationalismus: dass die öffentliche, politische Sphäre eine Ebene herstelle, auf der von Standes- und Klassenunterschieden, von Religion und individuellem Vermögen (im doppelten Sinn von Begabung und Reichtum) abgesehen werde. Die Nation sollte etwas von ihrer Stärke noch ihren schwächsten Mitgliedern mitteilen. Sie konstituierte dabei eine nachchristliche, lokale Form der Gleichheit, indem sie die Unterschiede, die in vormodernen Gesellschaften hierarchisch funktionierten, jedenfalls teilweise nach außen verlagerte, an die Grenzen der Nationen.

Diese neuartige Gemeinschaftsbildung konnte auch etwas Humanes und Großes haben, wie heute noch aus jener Adresse spürbar wird, die die römischen Juden schon wenige Tage später, am 25. September 1870, an den italienischen König richteten: "Wir sprechen jetzt den Namen Israelit zum letzten Male aus. In dem Augenblicke, da wir aus dem Zustande einer gesetzlichen Erklärung in die Acht zu dem heiligen Regime der bürgerlichen Gleichheit übergehen, ist dies eine Pflicht der Dankbarkeit. Unter dem Scepter Ew. Majestät werden wir außerhalb unserer Tempel nur daran uns erinnern, daß wir Italiener und Römer sein müssen und auch nichts anderes sein werden." Ein Vertreter der jüdischen Gemeinde Roms war Mitglied der Delegation, die drei Wochen später dem König das Ergebnis des Plebiszits zum Anschluss Roms an Italien feierlich überreichte.

Die Idee der Nation taugt nicht zum sozialen Ausgleich

Als Gleichheitsideologie aber ist der Nationalismus ohne weiteren Inhalt, und das macht ihn einerseits so flexibel und überlebensfähig wie andererseits anfällig für allen möglichen hässlichen Missbrauch. Nationalismus ist eben bloß die Hohlform eines Ethos, das keinen für alle Male feststehenden Inhalt hat. Die Römer, die sich so rauschhaft und sympathisch mit den Italienern wiedervereinigten, fingen schon im Lauf ihres Straßenfestes an, die päpstlichen Soldaten, vor allem die Franzosen unter ihnen, zu verprügeln.