Ankara/Istanbul

Ist es Phlegma, ist es Gelassenheit? Die Türkei lebt seit Wochen mit einer schweren Finanz- und Währungskrise, doch auf politischer Ebene geschieht so gut wie nichts. Am 19. Februar hatte Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer der Regierung vorgeworfen, sie bekämpfe die Korruption nicht ernsthaft.

Ministerpräsident Bülent Ecevit fühlte sich persönlich angegriffen, zwischen den beiden kam es zum Streit, anschließend zur Explosion.

"Ecevit ist geradezu ausgerastet", sagt Ahmet Sever vom Nachrichtensender CNN Türk. "Anstatt den Streit zu schlichten, trat er nach der Sitzung vor die Mikrofone und sprach von einer ,schweren Staatskrise'." Daraufhin zogen ausländische Investoren Milliarden Dollar aus der Türkei ab, und inländische Anleger flüchteten aus der türkischen Lira in Devisen. Die Regierung musste den seit zwei Jahren an Dollar und Mark gekoppelten Wechselkurs der Lira freigeben, die quasi über Nacht um mehr als 30 Prozent abgewertet wurde. Die Liquiditätsprobleme trieben die Tageszinsen zwischen den Banken auf bis zu 7500 Prozent, das gesamte Bankensystem drohte und droht zu kollabieren.

"Dennoch ist die gegenwärtige Krise eine rein politische, mit Wirtschaft hat sie nichts zu tun", betont Ishak Alaton. Er ist der Eigentümer der Alarko Holding, eines der größten türkischen Industriekonglomerate, zu dem Kraftwerke und Bauunternehmen gehören. "Der Konflikt zwischen Sezer und Ecevit ist ein Richtungsstreit", sagt Alaton. "Auf der einen Seite Sezer, der die Erneuerung will, der eintritt für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für eine glaubwürdige Regierung und gegen Korruption. Und auf der anderen Seite Ecevit, der auf einer rosaroten Wolke schwebt, losgelöst von jeder Realität.

Ein Mann von vorgestern, der nicht begreift, dass die politische Klasse jedweden Rückhalt in der Bevölkerung verspielt hat."

Dieser Vertrauensverlust hängt zusammen mit der Selbstbedienungsmentalität der Regierenden, die mit dem Begriff Korruption nur ungenügend umschrieben ist. Die Strukturen selbst sind das Problem, nicht ihre Auswüchse, wie sich vor allem im Bereich der staatlichen Banken zeigt. Staatlich heißt konkret: unter Kontrolle der jeweiligen Regierungsparteien. Eine ernst zu nehmende Bankenaufsicht gibt es in der Türkei nicht, das regeln die Parteien selbst, indem sie die Vorstände mit ihren Parteigängern besetzen. So sind etwa die Ziraat und die Halk Bank de facto im Besitz von Ecevits Partei der Demokratischen Linken (DSP). Auch die beiden Koalitionspartner verfügen ihrerseits über Banken und/oder lukrative staatliche Unternehmen, zum Beispiel die türkische Telekom.