Anfang 1970 hat Peter Ruzicka den Dichter Paul Celan besucht, wenige Wochen vor dessen Selbstmord. Seine Vertonung der Todesfuge hatte der damals 21-jährige Komponist an Celan geschickt und reiste dann ganz naiv und unbedarft nach Paris, weil er sich mit ihm darüber unterhalten wollte. Es kam zu einer kurzen, für Ruzicka tief verstörenden Begegnung in Celans nahezu leer geräumtem Appartement. Der Dichter, gerade erst zurück von einem längeren Aufenthalt in der Psychiatrie, schwieg gegenüber dem fremden jungen Deutschen. Nur ein paar dunkle, rätselhafte Sätze habe Celan damals gesprochen. Aber das wortlose Zusammentreffen in dem irritierend unbehausten Ambiente hat den Komponisten anschließend nicht mehr losgelassen. In der quälenden Nichtkommunikation taten sich für ihn die Abgründe eines ganzen Jahrhunderts auf. Immer wieder hat Ruzicka sich nach dem Parisbesuch kompositorisch an Celan abgearbeitet. Er komponierte ein Streichquartett (... fragmente ...), als er erfuhr, dass sich Celan auf einer Seinebrücke das Leben genommen hatte, weitere Stücke folgten. Nun hat er, als erklärten Schlusspunkt und Opus summum seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Dichter, eine Oper geschrieben: Celan - ein Musiktheater in sieben Entwürfen. An der Semperoper in Dresden ist sie uraufgeführt worden.

Wer über Celan komponieren will, muss unweigerlich noch einmal hinab in die schwarzen Untergeschosse des 20. Jahrhunderts. Die Holocaust-Erfahrung

der Tod der rumänisch-jüdischen Eltern in einem Konzentrationslager

der lebenslange Schuldkomplex, den Genozid überlebt zu haben

das Trauma der (unberechtigt) gegen ihn erhobenen Plagiatsvorwürfe, die er als neuerliche antisemitische Attacke wahrnahm

auch die Anteilnahme mit den Opfern von Hiroshima, Vietnam oder dem Prager Frühling - all das ist Celans Lyrik tief eingeschrieben und hat ihn schließlich am Leben zerbrechen lassen. Die ästhetischen Prämissen, unter denen er seine Gedichte verfasst hat (und die ähnlich auch in der zeitgenössischen Musik wirksam waren), sind die einer radikal zu Ende gedachten Moderne. Dem Schönen hat er misstraut, das Sprachmaterial erscheint bei ihm in extremer Verdichtung und Verrätselung. In der Sprache der Massenmörder dichtend, war ihm Unmittelbarkeit im Ausdruck nicht mehr möglich. Das beliebte Schlagwort von der Kunst am Rande des Verstummens ist bei Celan eingelöst - "in einer Sprache", so der Dichter, "die unter anderem auch ihre Musikalität an einem Ort angesiedelt wissen will, wo sie nichts mehr mit jenem ,Wohlklang' gemein hat, der noch mit und neben dem Furchtbarsten mehr oder minder unbekümmert einhertönte". Aber gelten diese Prämissen auch heute noch?

Die junge Komponistengeneration hat sich längst verabschiedet von solchen Topoi der Nachkriegsmoderne und sich mit den Erfahrungen in der Postmoderne eine neue Unmittelbarkeit zurückerobert. Verblasst scheinen zu Beginn des neuen Jahrtausends Celans ästhetische Koordinaten. Ist der jüdische Dichter nur mehr die Ikone einer vergangenen Epoche? Peter Ruzicka, Jahrgang 1948 ("Zutiefst habe ich die Scham erfahren, dass drei Jahre vor der eigenen Geburt die Öfen der Menschenvernichtung noch geraucht haben"), glaubt nach wie vor an das Unabgegoltene in Celans Werk und sieht seine Oper nicht zuletzt als Aufbruch in eine zweite Moderne.