Mittägliche Sonnenglut liegt über dem weißen Sandstrand des Fischerdörfchens Esperanza, auf dem kristallklaren Karibikwasser seiner Bucht, auf dem halben Dutzend Segelboote, die auf den kurzen Klatschwellen tanzen. Leer gähnt das Restaurant El Quenepo - die Speisekarte ist zu puertoricanisch für die Hand voll Gringos aus den USA, die lieber nebenan mit Club-Sandwiches auf Nummer sicher gehen. Ein Cowboy tänzelt, hoch zu Ross, die Uferpromenade entlang: Wilde Pferde gibt es auf Vieques jede Menge - man muss sich nur eins schnappen und ihm einen Sattel überwerfen. Frisch gestrichene Betonbänke und die kunstvoll zementierte Balustrade der Uferstraße weisen Esperanza als einen Ort mit Ambitionen aus: Touristen erhofft man sich hier auf Vieques, einem Inselzwerg, 37 Kilometer lang und nur fünf Kilometer breit, vor der Ostküste von Puerto Rico. Touristen, die hier flanieren, essen und einkaufen sollen, obwohl es vorläufig noch wenig zum Einkaufen gibt: Vieques ist noch in jenem reizvollen Stadium zwischen Unschuld und Entwicklung, wo ein Hüttchen mit Muschelketten und Flipflops als Boutique gilt. Unter denen, die ewig auf der Suche nach dem Authentischen sind, wird die Insel als heißer Tipp weitergereicht.

Zunächst mal hat die Insel Buchten und Strände, die sich sehen lassen können.

Allen voran Bioluminescent Bay, wo man in mondlosen Nächten in Gewässern paddelt, die wie magisch von Dinoflagellaten oder Panzergeißelalgen illuminiert sind und wie Millionen winziger Neonröhrchen wirken. In Sun Bay kann man seine Hängematte zwischen Palmen und mit Blick über Hunderte von Metern feinen Sandstrandes aufhängen. Media Luna, im Dickicht der Akazien versteckt, besticht mit schlohweißem Sand und seichtem milchigblauem Wasser.

Navio, noch abgelegener und nur über krumme Feldwege mit dem Jeep zu erreichen, wird vom atlantischen Surf gepeitscht und ist fast immer menschenleer.

Der Besuch der Greeb Beach erfordert eine kleine Reise durch Mangrovensümpfe und über Pontonbrücken, doch winkt am Ende ein einsamer Strand, den man lediglich mit einem Schwarm von Pelikanen teilt. Am Wochenende wird die Stille rüde unterbrochen, wenn die Motorboote aus dem benachbarten Puerto Rico hier anpreschen. Dann füllen die Stakkatoklänge von Salsa und Merengue die vorher so stille Bucht, überall knistern Feuer und Barbecues, und es riecht nach Fisch und platanos - gebratenen Bananen.

Mit ihren geschäftigen Läden, Gästehäusern und Restaurants, mit ihren brav uniformierten Schulkindern und einer Fähre nach Puerto Rico ist die Inselhauptstadt Isabel Segunda Vieques' Tor zur Welt. Und ein farbenprächtiges noch dazu: Die Viequense lieben ihre Häuser bunt wie Knallbonbons. Die hurrikansicher aus Beton gebauten casitas leuchten mit verzierten Balkons und Gitterschmuck in Aqua und Violett, in Aubergine, Azurblau und Türkis, und wem es an Mitteln für einen kompletten Anstrich fehlt, der lässt zumindest die Rundbögen der Veranda oder den pórtico in einer knalligen Farbe erstrahlen.

Eine Oase ist der Friedhof, wo Generationen von Viequense in weiß gekalkten Grabmälern auf einem Steilhügel über dem Meer das Jüngste Gericht erwarten.