An einem schwülen Abend im August 1946 hatte Alexander Feklisow seinen amerikanischen Informanten zum letzten Mal gesehen. Nun, rund ein halbes Jahrhundert später, sitzt der ehemalige sowjetische Spionageoffizier auf einer Bank am Riverside Drive in Manhattan. Sie steht ungefähr dort, wo die beiden Männer vor so langer Zeit Abschied voneinander genommen hatten.

Lebhaft erinnert sich der 82-Jährige gegenüber einem Reporter der Washington Post an das letzte von vielen Treffen mit dem Amerikaner. Dann überwältigen den Mann aus Moskau die Gefühle. Voller Inbrunst preist Feklisow seinen damaligen Gesprächspartner als einen "Helden", der den Sowjets in der Stunde der Not sehr geholfen habe. Sein Name: Julius Rosenberg.

Das Lob aus russischem Munde fügt sich in ein Mosaik aus widersprüchlichen Urteilen, die Rosenberg bis heute begleiten. Gemeinsam mit seiner Frau Ethel ist er zu einem Mythos geworden

Theaterstücke, Filme, Romane bekannter Autoren haben sich mit dem eher unscheinbaren Paar aus New York beschäftigt.

Ob die Rosenbergs am 5. April vor nun genau 50 Jahren völlig unschuldig zum Tode verurteilt wurden oder als raffinierte Jahrhundertspione - darum drehte sich seither weltweit immer wieder von neuem der Streit. Doch auch die Nachrichten aus den Gewölben der Geheimdienste, aus den Archiven von FBI und CIA und KGB, die nach dem Ende des Kalten Krieges ans Licht kamen, konnten keine letzte Gewissheit in der Affäre bringen.

Schon die Persönlichkeit Julius Rosenbergs bleibt rätselhaft. Wuchs in den jüdischen Armenvierteln an der Lower East Side ein Träumer heran, der später hilflos in die Fänge der amerikanischen Strafverfolgung geriet? Oder war der Sohn eines aus Polen eingewanderten Textilarbeiters ein eiskalter Überzeugungstäter, der Freunde wie Feinde hinters Licht führte? Die Fragen hätten sich nie ergeben, wenn der intelligente Junge dem Wunsch seines Vaters gefolgt und Rabbi geworden wäre. Doch bereits auf der Highschool interessierte sich Julius weniger für Theologie als für Politik. Beinahe automatisch führte sie ihn Anfang der dreißiger Jahre, wie so viele Studenten an der Ostküste, in den Bann der aufstrebenden Sowjetunion und in die Junge Kommunisten-Liga.

Es war auch das prosowjetische Milieu, in dem Julius, 18, und Ethel, 21, einander begegneten. Sie stammte aus noch ärmlicheren Verhältnissen am unteren Ende Manhattans und hatte die Willkür der Arbeitgeber in den sweatshops, den erbärmlichen Textilwerkstätten der jüdischen Viertel, zur Genüge kennen gelernt. Armut und Erniedrigung hatten die stämmige junge Frau gestählt. Sie kämpfte darum aufzusteigen und träumte von einer Karriere als Schauspielerin oder Sängerin.