Seit dieser Saison hat das Hamburger Schauspielhaus ein neues Emblem, das Loch. Es ist ins Programmheft gestanzt und reist im Briefkopf mit. Es ist das Symbol der anderen Wirklichkeit, der Tiefe, des Durchblicks. Und es passt nach Hamburg, das selbst um ein, nun ja, mit Wasser gefülltes Loch zentriert ist. Seit dieser Saison hat das Schauspielhaus auch einen neuen Intendanten, Tom Stromberg. An diesem Mann, der stets das Glückskind des Ereignisbetriebes war, klebt plötzlich das Unglück. Sein Spielplan besteht zum großen Teil aus Nebensachen und Misslungenem. Wäre dies die Bundesliga, Stromberg wäre der heißeste Kandidat für eine Trainerentlassung. Und Strombergs Loch, das stolze Wappen der Avantgarde, droht den schlauen Kopf, der dahintersteckt, zu verschlingen: Es symbolisiert nun Beliebigkeit, Form ohne Inhalt.

Strombergs Truppe erinnert in weiten Teilen an ein alternatives Garagenunternehmen, das unverhofft eine Fabrik geschenkt bekommen hat und in der riesigen Werkhalle erst mal die Maschinen heulen lässt. Sie ist weniger mit dem Spielen beschäftigt als damit, die Technik, den Raum, das Material auszuprobieren. Die jüngste Materialerprobung heißt "Ein Sturm von Jan Lauwers nach William Shakespeare". Man wünschte sich, die Reihenfolge wäre umgekehrt. Im Kampf des Lebenden gegen den Unsterblichen hat Shakespeare keine Chance. Lauwers bringt ihn zum Schweigen.

In einem Interview hat Lauwers, der Chef der Needcompany, über seine Erfahrungen mit Shakespeare gesprochen: "Das Erste, was mich beim Lesen überfällt, ist die Erkenntnis: Ich verstehe kein Wort." Er hat sich von diesem Überfall nie erholt, nun rächt er sich am Aggressor. Er will zeigen, was vom Dramatiker bleibt, "wenn man die wundervolle Sprache wegschmeißt".

Lauwers begreift Sprache als Kulisse: Er kippt sie. Er löst Dialog auf in Tanz, Musik, Monolog. Kunstsprachen überlagern sich schnatternd. Am Rand sitzt der zürnende Herzog Prospero, der von seinen Widersachern auf eine einsame Insel verbannt worden ist, und drischt auf ein Schlagzeug ein. Er sät den Sturm. In der Bühnenmitte steht Prosperos Luftgeist Ariel (Wiebke Puls) und atmet in ein Mikrofon. Er lenkt den Sturm. Neben Ariel steht Alonso, Prosperos Feind, und knüpft das Kabel seines Mikrofons zu Schlingen. Er wird gleich im Sturm versinken, Aug in Aug mit Ariel. "Und - runter geht's!", summt Alonso, "wir gehen alle unter. Schön. Scheiße passiert." Der Untergang ist die Conférence zweier Entertainer. Stilvoller ist seit der Bordkapelle der Titanic kein Ensemble abgesoffen.

Lauwers blättert öffentlich in einem Stück, von dem er kein Wort versteht. Er senkt die Bildungsbarrieren für uns alle, doch hinter den Barrieren heult kein Sturm mehr, nur Bergungsarbeiten sind noch zu besichtigen. Tänzer kreuzen die Bühne in Schrittfolgen, denen Navigationspläne zugrunde liegen: Timecodes auf Monitoren bestimmen, wie lange die Akteure unterwegs sein dürfen. Jede Figur hat ein eigenes Zeitkonto. Jeder Schritt steht in Lauwers' großer Partitur.

Als Prospero (Alexander Simon) wütend wird, lässt er einen elektrischen Orkan los. Der Rasende versetzt sechs E-Gitarren in Schwingung und geht ab. Eine Lärmgewitterwand schiebt sich in den Saal. Lauwers benützt das Theater als sein Instrument, und in dessen Resonanzboden, unten im Schallloch, sitzt das Publikum.

Als Prospero seine apokalyptischen Gitarren abstellt, ertönt Gewitzel ("Lauter!") aus dem so genannten bürgerlichen Lager und Gebrüll ("Wenn das für dich 'ne Überforderung ist, kannst du ja gehn, du Penner!") von den Balkonen der so genannten Fortschrittlichen (beziehungsweise der hauseigenen Claque). Spießer gegen Avantgarde, die Rekonstruktion einer Schlacht. Es macht Spaß, wenn weitab jeder gesellschaftlichen Relevanz, tief in der Vergangenheit, uralte Positionen aufeinander prallen. Selten hat ein Theater aus so nichtigem Anlass so fabelhafte Eklatwerte erzielt.