DER SELTSAMSTE RAUM im Staatsratsgebäude ist ein mit Ziegenleder ausgeschlagenes Durchgangszimmer zwischen Foyer und Kabinettsaal im ersten Stock. Die Ledertapete mit goldenen Eckprägungen ist ein Geschenk des sowjetischen Unionsstaates Kyrgystan. Einzelheiten über das Geschenk und seine Ursachen sind nicht bekannt. Kyrgystan war und ist Deutschland insofern verbunden, als unter Stalin Zehntausende von Wolgadeutschen in der zentralasiatischen Region zwangsangesiedelt wurden. Aber das kann nicht der Grund für den Tapetenwechsel in Honeckers Vorzimmer gewesen sein. Über die Wandverkleidungen im Bonner Kanzleramt - Holz, so weit das Auge reicht - sind übrigens auch keine stichhaltigen Gründe in Erfahrung zu bringen.

DAS SAKRALE am real existierenden Sozialismus war nicht sein Heilsversprechen, sondern seine Glasfensterkunst: Walter Womackas Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im Foyer des Staatsratsgebäudes zieht sich auf 180 Quadratmetern über drei Stockwerke hinweg. Auffällig sind die apfelbrüstigen Genossinnen im Stil des sozialistischen Realismus, die aus christlicher Ikonografie bekannte Position eines antifaschistischen Kleinkindes sowie die bewaffnete Truppe vor dem ersten Plattenbauelement und der feste Händedruck, der die Arbeiter des Kopfes und der Faust im Mittelpaneel zu einem Zeitpunkt verbindet, da die Flucht nicht mehr möglich war. Womackas Idee, ein Paneel mit dem allgemein gültigen Satz Trotz alledem zu versehen, darf als stille Widerstandsgeste interpretiert werden. Das Werk steht, wie das ganze Gebäude, unter Denkmalschutz. Trotz alledem.

DER EHEMALIGE DIPLOMATENSAAL neben Erich Honeckers Büro im Staatsratsgebäude diente jeden Mittwoch um 9.30 Uhr als Kabinettssaal der rot-grünen Regierung. Der Kanzlerstuhl, in Bonn noch aus Tradition mit viel höherer Lehne ausgestattet, war hier auf gleiches Maß reduziert. Die hohen, lichten Räume erlaubten den Rauchern Schröder (Zigarren, alles), Müller (Zigarillos, Wirtschaft), Scharping (Zigaretten, Verteidigung), Heye (Zigaretten, Presse) und Naumann (Zigaretten, Kultur) unbefangenes Gequalme, anders als in Bonn. Die opulente Lichtanlage wurde nicht wirklich benötigt, weil Gerhard Schröders vormittägliche Kabinettssitzungen kürzer als der historische Durchschnitt sind. Viel und lang geredet wird nur unter der Leitung seines Vertreters Fischer.

DIE AUFFÄLLIGE STAHLTÜR zwischen dem Foyer im ersten Obergeschoss des Staatsratsgebäudes und dem so genannten Diplomatensaal und Honeckers Büroräumen, die inzwischen als provisorischer Kabinettstrakt und Kanzlerbüros dienen, folgt einem kubistisch anmutenden Entwurf von Fritz Kühn: Die Pracht der Oberfläche signalisiert dem davor Stehenden irgend etwas Geheimnisvolles hinter dem Tor zur Macht und erinnert zugleich an die Beschläge orientalischer Palast-Tore. Die Aufkleber rechts neben der Tür verstoßen gegen die deutsche Denkmalschutzordnung.

TEXTE RENATE FUCHS

FOTOS WERNER BARTSCH