Ich stehe vor einer roten Ampel in einem dieser Luftkurorte des Schwarzwalds, deren gemeinsames Kennzeichen eine penetrante Sauberkeit ist. Rechts neben mir eine kleine Edeka-Filiale. Das Schaufenster ist fast vollständig mit Plakaten beklebt, deren gleichlautende Schlagzeilen einen Superknüller des Monats ankündigen. Jedes Plakat einen eigenen Superknüller. Direkt in Augenhöhe kann ich ihn bewundern: 1 Liter Müller-Thurgau 3,99 DM, darunter der Zusatz Auch trocken.

Erst gestern Abend hatten einige Herrschaften in einer Talkshow zum Thema BSE die zaghafte Hoffnung geäußert, dass der Konsument nach den Erfahrungen der letzten Wochen wohl nicht mehr so leicht auf Billigangebote hereinfallen werde. Doch hier locken sie den Trottel mit einem Billigwein, der nach den Regeln der Natur gar nicht existieren kann.

Bei Fleisch wird er wohl nicht mehr so vertrauensselig sein, denke ich angewidert, da sehe ich auf einem anderen Plakat die beiden Würste: buntes Etikett auf einer Plastikpelle, darin eine bräunlich-rosa Masse, chemisch gefestigt und haltbar gemacht, sowie mit freundlicher Unterstützung der Pharmalabors durch Kunstaromen den Geschmackserwartungen der Verbraucher angepasst. Geschätzter Fleischanteil: 5 Gramm. Sollten es mehr sein, ist es Fleisch von der unappetitlichen Sorte, vermute ich.

1,39 DM, lese ich daneben, sowie: Bauernlyoner, leicht geräuchert. Und als ich meinen Hals verrenke, um zu erkennen, wieviel Gramm von diesem Knüllerprodukt ich für 1,39 DM kaufen könnte, wenn ich blöd genug wäre, macht mich meine Beifahrerin auf das Verkehrsgeschehen aufmerksam: Grüner wird's nicht. Gib Gas!

Damit sagt sie dasselbe wie gestern abend der Schweinemäster (3000 Stück im Stall), der mit unverhohlener Freude prophezeite, dass deutsche Konsumenten eine geplante ökologische Landwirtschaft zwar scheinbar begrüßen, aber keineswegs auf Billigprodukte verzichten würden. Ich hoffe, dass er nicht Recht hat wie meine Beifahrerin.

Ja, wenn der Konsument das Gesparte wenigstens für den Besuch einer Kunstausstellung investieren würde, könnte man ein Auge zudrücken.

In Tübingen, wo den Kunstfreunden eine seltene Gelegenheit geboten wird, die heiteren Bilder des Zöllners Henri Rousseau zu besichtigen, brauchen sie allerings zwei offene Augen und finden die Kunsthalle trotzdem nicht, weil die Stadt es nicht für nötig hält, im Zentrum auch nur ein hinweisendes Plakat aufzustellen. Also irrt man entnervt durch Tübingen und wird stattdessen alle naslang durch riesige Schilder zu den städtischen Kliniken gewiesen. Wahrscheinlich fürchten sie, der Notarzt könne seine Patienten in der Kunsthalle abladen. Von dort ist es jedenfalls nicht weit nach Bebenhausen (sofern man die Abzweigung in Lustnau nicht verpasst).