Einst erstand ich billig ein Buch im Ramsch

es trug den Titel: Geld und der Sinn des Lebens. Es war ein amerikanisches Werk, der Verfasser, Jacob Needleman, war ein Philosoph, aber unter "Philosoph" versteht man vielerlei, gewiss auch einen Philosophieprofessor, der - wie Needleman - Seminare in der ganzen Welt hält, um den Menschen, gleich welcher Religion und Nation, die Chance zu bieten, Geld als Mittel ihrer Selbsterkenntnis zu nutzen. Für mich war Jakob Needleman mehr ein Wanderprediger, der mit ausgesuchten Beispielen ("Für Alyssa war Geld ein Instrument des Geistes!") gegen die Scheinheiligkeit zu Felde zog, der Erwerb materieller Güter wäre zu verachten. "Unser Leben ist eine Hölle!", rief Jacob Needleman aus, "nicht weil Geld so wichtig für uns ist, sondern weil es nicht wichtig genug ist."

Ich liebte viele seiner Sätze und dachte daran, Geld und den Sinn des Lebens zusammenzustreichen, um mit der Strichfassung als stand-up comedian in einem Studentenkabarett zu brillieren. Max Weber hätte mitspielen dürfen, denn Jacob Needleman hatte geschrieben: "Ich trank einen Schluck von dem lauwarmen Kaffee und zog aus dem Bücherstapel Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus hervor." So und nur so, nämlich nur durch einen Schluck vom lauwarmen Kaffee, macht man den nachdenklichen Moment anschaulich, in dem es die Menschen nach Max Weber verlangt. In Geld und der Sinn des Lebens steht der größte Satz allerdings gleich am Anfang, in einer Danksagung, die keineswegs Max Weber gilt: "Mein Dank gilt vor allem Laurance S. Rockefeller für seine ermutigende und großzügige Unterstützung, die es mir ermöglicht hat, dieses Buch zu schreiben ..."

Im Gedenken an Jacob Needleman las ich das im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienene und von Helga Dick und Lutz-W. Wolff herausgegebene Buch: Money, Honey! Geschichten vom Geld. Ich gebe zu, ich hege den Verdacht, dass die Geschichten, die man sich vom Geld erzählt, zumeist bloß harmlose Koketterien sind, in denen sich die Subjekte gegenüber einer Macht gefallen, die die Subjektivität längst schon unterminiert hat. Wie soll man auch dem Geld gegenüber reagieren, das auf unsere Reaktionen wenig gibt? Das ist die Frage an der Börse und in der Literatur.

Money, Honey! eröffnet aufmunternd, nämlich mit einem Gedicht von Brecht. Mit seinem Gedicht Lied von der belebenden Wirkung des Geldes will uns, soweit ich es verstehe, der Dichter sagen, dass man oft traurig dasitzt, weil einem das Geld ausgegangen ist. Aber plötzlich, wenn das Geld wieder hereingekommen ist, sieht alles anders aus: "Rosig färbt der Horizont sich / Blicket hinan: der Schornstein raucht!" Da lächelt sich aber die Kohle in den Bart, wenn man sie so von Herzen willkommen heißt. Modern drückt dieses schöne alte Gefühl Lutz-W. Wolff mit den Worten aus: "Die Zahl derer, die begriffen haben, daß Geld sehr sexy und lecker sein kann, wächst ständig." Ja, das ist das Wichtigste für die Stallwärme, dass man nicht allein ist. In der Tat sind es draußen in der Welt nur noch wenige, die man verprügeln muss, wenn sie zum Beispiel gegen den Weltwährungsfonds demonstrieren, weil ihnen das Geld zu wenig sexy vorkommt.

Aber meine These ist eben nicht, dass man Geld prüde verachten soll. Ich behaupte nur, dass subjektive Reflexe, und seien es literarische, wenig über das Geld und seine Wirkungen verraten. Ich fürchte nämlich, dass das Geld zu jenen Bereichen zählt, in denen die Theorie, die Wissenschaft, der Literatur maßlos überlegen ist. Wenn man das zugibt und sich auch eingesteht, dass das Geld seine Wirkung an der Psyche der Menschen tut, ohne durch diese Wirkung definiert zu sein, dann kann man Money, Honey mit Gewinn lesen. Ich schätze darin besonders eine Geschichte: Meine Schwester verkauft sich von Tama Janowitz. Die Schwester eines einkommenslosen Bruders findet auf beiläufigen Wegen zur Prostitution. Ihre Hurerei handelt sie weder kalt noch sentimental ab. Sie sagt: "Ich hatte es satt, darauf zu warten, daß mein Leben irgendwann anfing." Das ist in ihrem Fall, obwohl sie die Nase gern ins Kokain steckt, ein nüchterner, ein ökonomischer Standpunkt, mit dem vielleicht all ihre Rechnungen aufgehen.

* Helga Dick und Lutz-W. Wolff (Hrsg): Money, Honey! Geschichten vom Geld