In einem kleinen gallischen Dorf namens Paris: Ein Stahlbaron mit musischer Ader hört den großen César Franck (1822 bis 1890) Orgel spielen und erliegt dessen Verführungskunst. Für sieben seiner Residenzen lässt er sich eigene Königinnen bauen, riesige Orgeln für Wohnzimmer, Salons, Treppenhäuser.

Der Baron, ein Wahnwitziger, übt nachts. Doch an der Avenue du Bois de Boulogne hat er bald schlaflose Nachbarn und Anwälte am Hals. Die Orgel, von dem ruhmreichen Aristide Cavaillé-Coll gebaut und 42 Register stark, muss weg. Sie gelangt in die Kirche Saint-Antoine des Quinze-Vingts, wo sie 1907 ihre endgültige Heimat findet.

Der dortige Titularorganist Erik Lebrun hat nun den Weg seiner Orgel zum Quell ihrer Inspiration zurückverfolgt und das gesamte Orgelwerk César Francks aufgenommen (Naxos 2 CDs 8.554697/98). Misst man das Instrument an Francks eigener Orgel in Sainte-Clotilde, so wird man es beim Lesen der Disposition für die kleine zierliche Schwester halten. In der klanglichen Wirklichkeit indes erfüllt dieser Farbenkasten alle Anforderungen Francks an die sinfonische Dimension einer Orgel ideal. Zwei Schwellwerke gestatten eine impressionistische Vielfalt aus Licht und Schatten, Verwandlungen, rauschenden Steigerungen und apartesten Valeurs.

Lebrun nutzt die Potenz des Instruments ohne die Präpotenz eines Marktschreiers. Sein Franck ist von einer herrlichen Natürlichkeit und Lauterkeit eine geradezu keusche Ästhetik belässt die Musik im Zustand der Reinheit. Wo andere auf die Tube drücken, hält sich Lebrun vornehm und klug zurück. Er registriert schlank, auf Durchsichtigkeit hin, und schaltet den blendenden Lichterglanz der Mixturen nur an ausgewählten Höhepunkten zu. Um so gewaltiger das Ergebnis: große Bögen (Grand Pièce symphonique), virtuose Manöver (Choral a-moll), rhapsodische Schnittigkeit (Pièce héroïque), pompöser Zirkus (Final), lyrisches Behagen (Prélude, fugue et variation).

Dass César Franck an der Schnittstelle von Bachs Kontrapunkt, Beethovens Formsinn und Wagners Chromatik operierte - hier hört man es.

Apropos Wagner: Auch dieser Weltenbummler muss einmal in Sainte-Clotilde gesessen und Franck gehört haben, vermutlich 1861, als Franck seine Prière komponierte. Da gibt es eine melodische Linie, die wörtlich in Wagners Siegfried-Idyll von 1869 auftaucht. Zufall? Methode? Schon damals war die Welt ein Global Village, wie dieses hübsche Detail aus dem Import- und Exportwesen eines kleinen gallischen Dorfes zeigt.