die zeit: Herr Flimm, es gibt seit langem an deutschsprachigen Bühnen eine schleichende Zuschauererosion. Jetzt aber sacken an manchen Häusern, und keineswegs an den schlechtesten, die Zahlen in den Keller. Als Regisseur, als erfahrenen Theaterleiter, als Ausbilder von Regienachwuchs, als Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins kann Sie das nicht kalt lassen. Was ist los an unseren Theatern?

Jürgen Flimm: Es ist gar nicht zu übersehen: Das Theater ist aus dem Zentrum der Kultur, der Unterhaltung herausgerutscht. Schauen Sie sich doch einmal um an den Plakatwänden in der U-Bahn: immer weniger Produktwerbung, immer mehr Ereigniswerbung. Das heißt: Das Theater ist umstellt von einer Unmenge von Ereignissen und muss, um diesen Ereignissen standzuhalten, selbst immer neue Ereignisse schaffen. Doch das ist schwierig geworden: Die Bindungen an eine Institution wie das Theater sind längst nicht mehr so selbstverständlich, so festgezurrt, wie sie das einmal waren. Die bildungsbürgerliche Gesellschaft, die das Theater trug, scheint zu verschwinden. Heute ist der Theaterbesuch, zumal beim jungen Publikum, immer mehr ein einzelner und freiwilliger Akt - und das Theater muss sich viel einfallen lassen.

zeit: Kann man über "Ereignisse" überhaupt Bindungen herstellen?

Flimm: Nehmen wir ein Beispiel: Frank Baumbauer am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg - der hat das grandios hingekriegt. Das Entscheidende sind aber auch heute noch die Schauspieler. Das wird allzu leicht vergessen. Über sie stellen sich die wirklichen Bindungen her.

zeit: Und die Regisseure?

Flimm: Ein kompliziertes Kapitel! Immer stärker sind sie in den vergangenen Jahrzehnten an die Stelle der Autoren getreten, immer stärker hat sich das Theater gegenüber dem Text autonomisiert. Das hat zunächst zu einer Qualifizierung, zuletzt jedoch zu einer Überforderung des Regiebegriffs geführt, zu einer Art spätromantischem Geniekult. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch das Defizit an zeitgenössischer Literatur - in diese Lücke stießen die Regisseure. Seit ein paar Jahren nun, gottlob, drängen viele junge Autoren auf die Bühne. Es gibt ja weit mehr als 100 Uraufführungen pro Jahr! Das kann die Dinge wieder ins Lot bringen.

zeit: Und was hat das mit dem Publikum zu tun?