Moskau und Washington haben sich in einen hässlichen Agentenkrieg verstrickt. Jede Seite hat bereits vier Diplomaten ausgewiesen, weitere Ausweisungen sind für die kommenden Monate angekündigt worden. Der unmittelbare Anlass war die Enttarnung des FBI-Agenten Robert Hanssen, der fünfzehn Jahre lang für Russland spioniert und dabei einige der größten Sicherheitsgeheimnisse der Vereinigten Staaten verraten hatte.

Zweifellos nahmen die Russen an, dass Washington mit der Ausweisung von einigen ihrer Geheimagenten reagieren würde, die unter dem Deckmantel diplomatischer Immunität in den Vereinigten Staaten arbeiten. Das wäre das gängige Vorgehen in solch einem Fall gewesen. Doch diesmal ging Washington viel weiter. Nicht nur, dass Hanssens russische Führungsoffiziere ausgewiesen wurden - die Amerikaner erklärten, sie würden bis zum Sommer mehr als vierzig weitere Diplomaten aus Russland ausweisen. Auf diese Weise soll die Spionagetätigkeit der Russen in den Vereinigten Staaten radikal heruntergefahren werden. Unterdessen hat Moskau angekündigt, in gleicher Weise zurückzuschlagen.

Wohin diese Konfrontation noch führen wird, ist eine offene Frage. Sie kommt zu einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen beiden Staaten ohnehin schon strapaziert sind: Seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten George W. Bush geht es holprig zu. Die Regierung Bush hat den Wunsch der Russen nach einem baldigen Gipfeltreffen mit Präsident Putin zurückgewiesen.

Verteidigungsminister Rumsfeld hat Russland als Land bezeichnet, das aktiv zur Verbreitung von Nuklearwaffentechnologie beitrage. Und jetzt hat auch noch das State Department ein hochrangiges Treffen mit dem "Außenminister" der Rebellenregierung von Tschetschenien organisiert.

Moskau reagiert mit harschen Worten. Zugleich treiben die Russen mit Nachdruck ihre Versuche voran, eine Koalition gegen den amerikanischen Plan eines Raketenabwehrsystems zusammenzuzimmern. Rund um die Welt sollen Partnerschaften dem vermeintlichen Projekt der Amerikaner entgegenwirken, eine unipolare Weltordnung zu errichten, in der nicht Recht, sondern Gewalt das bevorzugte Mittel zur Lösung internationaler Streitfälle wäre. Vor diesem Hintergrund könnte der gegenwärtige Spionagekrieg zu einem dramatischen Verfall der russisch-amerikanischen Beziehungen führen.

Sowohl Moskau wie auch Washington beteuern, solch eine Entwicklung vermeiden zu wollen beide Präsidenten haben sogar ausdrücklich zur Verbesserung der bilateralen Beziehungen aufgerufen. Mit gutem Grund: Tatsächlich können beide Seiten von einem konstruktiven Verhältnis zueinander nur profitieren.

Erleichtern würde es etwa die Stabilisierung der Kaspischen Region und die Ausbeutung der womöglich beträchtlichen Energievorkommen dort es würde auch dabei helfen, Chinas Aufstieg zur Weltmacht zu bewältigen es würde den Sorgen über die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen entgegenwirken und es würde den Prozess der europäischen Integration erleichtern.