Nicht einfach "Mutter". Man muss es pathetisch bringen, dramatisieren.

Tief durchgeatmet und dann mit dem Zwerchfell buchstabiert: "M-u-t-t-h-a.

Muttha!" Nur so wird große Oper draus, Entertainment, Gaudi. Auch der Zimmerservice soll was zu lachen haben.

Berlin, Hotel Adlon. Inmitten nachempfundenen Zwanzigerjahre-Schicks führt der Gitarrist Paul Landers vor, wie man den Titel des neuen Rammstein-Albums "Mutter" Band-gerecht ausspricht. Letzte Dinge in Performance verwandeln, Effekt machen durch Übertreibung - in seiner kindlichen Schlichtheit ein typischer Rammstein-Scherz. Landers wirkt selbst ein wenig erleichtert, dass er und seine Truppe nach längerem Experimentieren mit digitalen Rhythmen und ähnlich artfremden Stoffen darauf gekommen sind. "Mutter, det lässt ooch vieles offen", sagt er. Und ums Offenlassen geht es bei Rammstein.

Die dritte Platte ist für viele die schwerste. Wenn man Deutschlands umstrittenste, aber auch international erfolgreichste deutsche Band ist, wird sie zum Prüfstein. Die Verkaufszahlen, das Management, der ganze kommerzielle Apparat - "da hast'n Wahnsinnsdruck", wie der Keyboarder Christian "Flake" Lorenz gesteht. Nicht zu vergessen der gute schlechte Ruf. Deutschnationale Dumpfbolde - der ab Mitte der Neunziger vom Westen her erhobene Vorwurf hat die Muskelmänner aus (Ost-)Berlin geärgert. Links, rechts, das waren ihnen schon zu DDR-Zeiten hohle Begriffe, als sie noch in ehrenwerten Dissidentenkapellen spielten, und von Besser-Wessis wollen sie sich gleich gar nichts ans Bein hängen lassen. Kräftig auf dem Provokationsticket geritten, das allerdings ist man. Hätte die Sache sich nur nicht so schnell abgenutzt.

Sechs wilde Kerle von drüben, die Bück dich singen, sich halb nackt auf die Bühne stellen und mit Spiritus hantieren, bis die Schule brennt - vor fünf Jahren war das noch ebenso eine Novität wie die mit deutsch rollendem R aus den Eingeweiden heraufgegurgelten Bilder: kleine Schlachteplatten um Sex, Liebe und Tod, mit viel Sinn fürs Detail und Freude an der Verwirrung dargereicht. Rammstein spielten mit der westlich von Helmstedt vorherrschenden Angst, überrannt zu werden von Vandalen, die es auf Haus, Hof und Tochter abgesehen haben - dass im Innersten der Truppe ein eher handwerklicher Umgang mit dem Tabubruch vorherrschte, brauchte draußen keiner zu wissen. Was aber macht der Westen, der alte Dekadent? In seiner postmodernen Art schluckt er alles, um es in seinem großen Bauch dem Restpop zuzuschlagen.

Auch den Riefenstahl-Verschnitt, mit dem Rammstein vor zwei Jahren eines ihrer Videos bestritten, ereilte dieses Schicksal. Seither hat das öffentliche Interesse am Ausdiskutieren deutscher Sonderwege in der Internationale des Brachialrocks wie auch der Bilderverwertung nachgelassen.