Die Zeit kennt die schönsten Verstecke. Das unablässige Verrinnen von Sekunden, Minuten und Stunden hat Techniker und Kunsthandwerker zu immer größerer Präzision und verfeinerter Camouflage angespornt. Lauf- und Schlagwerke sowie Spieluhren tarnten sich im 18. und 19. Jahrhundert als juwelengeschmückte Preziosen in Form von Schmetterlingen, Käfern, Lauten und Mandolinen, Blüten, kleinen mit galanten Szenen bemalten Dosen und Musikinstrumenten oder sogar Totenschädeln aus Bergkristall.

Wenn jetzt im Genfer Hotel Richemond (31. März und 1. April) die auf rund 15 Millionen Schweizer Franken geschätzte Uhrenkollektion des Sammlers Lord Michael Sandberg bei Antiquorum versteigert wird, haben die 423 Kostbarkeiten aus vier Jahrhunderten bereits eine Weltreise hinter sich: Im März wurden sie teilweise in Paris, New York, Tokyo, Hongkong und am Auktionsort Genf gezeigt.

Dort erhielt die über Jahrzehnte hin zusammengetragene Sammlung des Bankers unerwarteten, derzeit unverkäuflichen Zuwachs, der selbst den Uhrenexperten und Antiquorum-Teilhaber Osvaldo Patrizzi in Erstaunen versetzte. Zu einem der außergewöhnlichen Objekte, einer gold- und perlengefassten Uhr in Form einer Amphore aus der Werkstatt von Piguet & Capt mit einer Emaillearbeit von Jean-Louis Richter aus Genf von 1805, steuerte eine japanische Dame ein bis dahin unbekanntes Pendant bei.

Der Schätzpreis von 300 000 sFr. aufwärts bekommt möglicherweise Aufwind durch die gemeinsame Zurschaustellung der beiden spiegelbildlich dekorierten Objekte in Genf. Sein Exemplar hatte Sandberg 1974 für 275 000 sFr. erworben, das andere hatte der Vater der japanischen Leihgeberin vor rund 75 Jahren in Hamburg zu einem nicht genannten Preis gekauft.

Dass die Zeitmesser nun für das auf Uhren und Juwelen spezialisierte Genfer Auktionshaus (mit derzeit 18 000 privaten und Museumskunden sowie 40 Prozent Händlern) auf so ausgedehnte Reisen gingen, hat Tradition. Bereits vor zwei Jahrhunderten hatten die führenden europäischen Uhrenhersteller reiche Kunden in Fernost: den chinesischen Kaiserhof, türkische Sultane und indische Prinzen. Für sie wurde speziell produziert und kräftig exportiert.

Als Sandberg Mitte der sechziger Jahre in Hongkong einen so genannten go down-Markt aufsuchte, um als typischer Brite nach antiken Schnupftabaksdosen zu fahnden, entzündete sich die Sammelleidenschaft des 40jährigen an einem kleinen technischen Wunderwerk in Gold und blauem Email, besetzt mit Perlen und einer perfekt intakten Spieluhr. Lächerliche knappe 500 Dollar kostete damals die Taschenuhr inklusive eines an einer Kordel befestigten Schlüssels mit einem herzförmigen Anhänger aus Rosenquarz und Jade.

Mit dem Kauf war der Grundstein gelegt und darüber hinaus auch ein vergessener Markt von kostbarer Exportware neu belebt. Der langjährige Präsident der Hong Kong und Shanghai Bank häufte seinen immens wachsenden Schatz hinter den safegleich sicheren Mauern in seinem Büro an, erfreute sich täglich an seinem Besitz und zeigte ihn anderen Kennern mit Vergnügen.