Der dokumentarische Spielfilm oder die Dokumentation mit Spielelementen, sie sind ein umstrittenes Genre, weil sich hier was mischt, das - so die Ordnungsvorstellungen der Kritik - in verschiedene Schubfächer gehört.

Saubere Trennungen erleichtern den Überblick und die Kontrolle. Das Leben aber ist keine reinliche Angelegenheit, es bevorzugt Mischungen. So auch die Kunst. Die meisten Innovationen entspringen unerlaubten Verschmelzungen fremder Bestandteile.

Gerade im Dokuspiel oder in der Spieldoku ist eine Menge in Bewegung. Die reine Fiktion wird es immer geben, sie ist in ihren Stilmitteln unendlich variabel, aber dabei durch dokumentarische Einschüsse durchaus zu beleben.

Der Dokumentarfilm ist und war immer schon verführbar durch das Spiel

seine Akteure verhalten sich anders, wenn sie wissen, dass eine Kamera zusieht - sie spielen deshalb nicht gleich, aber sie wissen, dass sie das, was sie sonst einfach so tun, jetzt für eine Aufzeichnung, für ein Publikum und sogar für die Nachwelt tun. Es spricht nichts dagegen, dieses Bewusstsein des Vor-der-Kamera-Stehens bis hin zum So-tun-als-ob, also zum Spiel zu öffnen und zu gucken, welche Reize das Resultat bietet. Eine Mischung von Reality und Show kann, sensibel aufgeführt, die Wirklichkeit so steigern, dass Wahrheit dabei herauskommt.

Dieses Kunststück ist Valeska Grisebach mit ihrem Film Mein Stern geglückt.

Zu sehen gibt es eine Hand voll Berliner Jugendliche, die rumhängen, quatschen, tanzen, angeben und sich um eine Lehrstelle bewerben. Es sind Kids, die niemand gelehrt hat, viele oder große Worte zu machen, die aber aus dem Fernsehen wissen, dass mit 14 die Liebe angesagt ist, und sich entsprechend umtun. Willst du mit mir gehen? fragt der blonde Schöpsi die langmähnige Nicole. Die zögert. Ja, sagt sie aber dann, und beide wissen nun: Sie sind ein Paar. Man kann förmlich riechen, wie dieses Wissen sie erregt. Bald wird Schöpsi in Nicoles Gegensprechanlage seufzen: Ich sterbe, wenn ich dich heute nicht sehe. Und wenig später: Ich mach Schluss. Sätze aus dem Fernsehen, die selbst laut auszusprechen mächtig gut tut. Als Schöpsi zu ihr zurückkehrt, hat Nicole ihren großen Moment: Wenn du das noch mal machst, töte ich dich. Später, als sie mit einem anderen flirtet, will er diese Worte wieder und wieder hören.