Bill Keith sprüht die Reifen eines altertümlichen, gelben Schaufelladers mit Entkeimungsmitteln ab. Mit dem Baufahrzeug hat er an diesem Morgen 877 Schafe in ein Massengrab gekippt. Einjährige Böcke, Jungtiere für die Nachzucht und trächtige Mutterschafe. Er dreht sich um und erklärt mit schleppender Stimme: Was soll ich sagen? Jetzt sind sie alle in der Grube. Nach einer Weile setzt er hinzu: Es waren die besten Schafe, die wir je hatten.

Die Felder seines Hofes fallen ab zu der sich in die Vorberge des schottischen Hochlands windenden Bucht von Cromarty. Die untere Hofeinfahrt ist mit Strohballen blockiert. Auf der oberen Einfahrt liegt eine Entseuchungsmatte. Eine Notiz warnt: Maul- und Klauenseuche. Bitte nicht betreten. Eisiger Ostwind bläst den klinischen Geruch von Desinfektionsmitteln und Kadavern über das Land.

Jenseits der Bucht desinfiziert Tom Robb am Hoftor der Newmore Mains Farm seinen dunkelgrünen Landrover. Hinter ihm ragen öde, mit Asbestplatten eingedeckte Schober auf. Alles erledigt, sagt er knapp. Die Jungs vom Ministerium haben astrein gearbeitet. 400 Schafe in zwei Stunden. Um halb elf legten sie los, um halb eins waren sie fertig. Eine halbe Stunde später war alles unter der Erde.

Ja, natürlich, räumt er dann ein, niemand sehe es gerne, wenn seine Tiere vernichtet werden. Aber was sein muss, muss sein. Schafe für die Nachzucht können wir wieder kaufen. Er lacht kurz, und in dem Lachen lässt sich doch eine Spur Bitterkeit vernehmen: Falls es dann noch welche gibt.

Landein, wo das Tal der Beauly sich zu schneebedeckten Bergkuppen hinaufwindet, breitet sich frisch geeggte schwarze Erde über einen Winkel in der Talsohle. Ein melancholisch verträumter Winkel. Der Fluss gurgelt. Unter der schwarzen Erde liegen 313 Lämmer und Mutterschafe begraben. Die Straße, die nach Craigscorrie hinaufführt, ist gesperrt. Dort liegt Charles Barcleys Hof. Eines seiner Schafe war mit seinen Zwillingslämmern immer wieder in den Garten des Bauernhauses eingebrochen, bevor die Leute vom Landwirtschaftsamt kamen, erzählt er. Es gehörte fast schon zur Familie. Er wird das große Schlachten nie vergessen. Die Lämmer wurden mit Spritzen getötet, die starben ganz schnell. Aber wie die Mutterschafe erschossen wurden, das war fürchterlich.

Charles Barcley ist Pachtbauer dreier Höfe auf dem Clanland der Lovats. Tom Robb verwaltet zwei Höfe, die einem Londoner Geschäftsmann gehören. Bill Keith ist selbstständiger Farmer, er besitzt 120 Hektar Acker- und Weideland auf der fruchtbaren Black Isle. Ein Leben lang baute er Gerste an und zog Schafe und Rinder.

Die Geschichte der drei Farmer und der Seuche ist ein Gleichnis der Sinnverkehrung moderner Landwirtschaftspolitik. Es ist eine Geschichte, in der die Politik das Gegenteil dessen erreicht, was sie bezwecken will, in der das größere Gut dem kleineren geopfert wird - und in der die Verlierer letztlich gewinnen.

Alle drei Bauern versichern, ihre Schafe seien gesund gewesen. Tom Robb und Charles Barcley hatten seit Wochen nach Symptomen der Seuche Ausschau gehalten. Die Veterinäre des Landwirtschaftsamtes verzichteten auf eine Diagnose. Dafür bleibe keine Zeit, dafür gebe es keine Laborkapazitäten, erklärten sie, als sie am Telefon die Tötung der Herden ankündigten. Im modernen Agrarmanagement ist MKS eine Bedrohung, die es um jeden Preis zu eliminieren gilt. Vor allem dem Export zuliebe. Der Export erfordert den MKS-freien Status eines Landes. Ohne das Exportgeschäft bricht die Landwirtschaft zusammen. Tierärzte sind in diesem System nicht mehr dazu da, zu impfen und zu heilen, sondern die Hinrichtung der Kreatur so effizient als möglich zu organisieren.

Schafe halten sich nicht an die Vorschriften

Bei Schafen tritt die Krankheit oft in so milder Form auf, dass man sie kaum bemerkt. Bei Rindern und Schweinen ist der Spuk nach zwei, drei Wochen meistens vorbei. Jahrhundertelang war die Seuche eine periodisch auftretende Plage, mit der man zu leben lernte. In der großen Epidemie 1899 erkrankten in Deutschland 4 266 000 Stück Vieh auf 162 600 Gehöften. Um die 40 000 Tiere gingen ein. In Großbritannien erkrankten diesmal bisher 600 Tiere. Doch allein letztes Wochenende wurden 200 000 Schafe getötet.

Mitte Februar hatten die drei Bauern je zwei Dutzend einjährige Böcke auf einem gemeinsamen Transport zum Schlachten nach Süden geschickt. Der spätwinterliche Verkauf mit winterharten Rüben gemästeter Jungböcke ist ein Haupterwerb der Hochlandbauern. Jede Woche setzen sie die Tiere ab, die ihr optimales Gewicht erreicht haben.

Der Fahrer trieb die Schafe aufs Oberdeck. Unten lud er Rinder ein. Die Rinder brachte er zum Viehmarkt nach Thirsk in Yorkshire. Auf der Weiterfahrt wurde er angehalten. Die Seuche war ausgebrochen. Die Regierung hatte eine Exportsperre verhängt. 80 Prozent der Hochlandschafe gehen in den Export.

Niemand wollte sie mehr anrühren.

Viehlastwagen chauffierten ihre Ladungen kreuz und quer in alle Ecken des Königreichs - und mit ihren Ladungen den Virus. Oder sie sammelten - wie unser Fahrer - die unsichtbare Bedrohung unterwegs erst auf. Er kehrte um, bog dann aber bei Carlisle von der M6 ab und fuhr zu einem Viehumschlagplatz, um eine Rückladung für sein leeres Unterdeck zu besorgen. Der Markt war bereits geschlossen. Er traf aber einen ihm bekannten Händler, der ihm eine Fuhre Rinder von einem Hof nahe der Kleinstadt Lockerbie für ein Schlachthaus im Norden besorgte. Er brachte die Rinder an ihren Bestimmungsort und lud spät in der Nacht die Schafe wieder dort aus, wo ihre Reise begonnen hatte.

Fünf Tage danach ergriff die Seuche den Hof bei Lockerbie.

Niemand ahnte, dass der Virus auf dem Laster möglicherweise bis in den Norden vorgedrungen war. Es dauerte vier Wochen, bevor Inspektoren des Landwirtschaftsamtes dem suspekten Transport auf die Spur kamen. Vier Wochen, in denen die Regionalverwaltung das Leben im angeblich MKS-freien Hochland mit einem Cordon sanitaire aus Desinfektionsmatten und Notverordnungen strangulierte.

Jede Farm ist ein Sperrgebiet. Man darf nicht in die Berge gehen, weil dort Hirsche weiden. Man darf nicht an Strände, weil dort Schafe weiden.

Spazierwege sind gesperrt. Rot-weiße Absperrbänder verwehren den Zugang zu Aussichtspunkten. Merkwürdigerweise halten sich nur die im westlichen Küstenland allgegenwärtig frei laufenden Schafe nicht an den polizeilich kontrollierten Ausnahmezustand. Sie grasen, wo es ihnen in den Sinn kommt, und unterlaufen den Sinn aller Absperrmaßnahmen.

Welcher Tourist will schon eine Grafschaft in Quarantäne besuchen? Das Land ist wie ausgestorben. Auf der Küstenstraße am Nordufer des berühmten Loch Ness, wo sich üblicherweise amerikanische und japanische Touristenhorden fast über die Uferböschung drängen, kurvt ein einzelner Reisebus. Auf den entlegeneren Bergstraßen kommt einem oft eine viertel Stunde lang kein anderes Auto entgegen. Der letzte Eintrag im Gästebuch des Kilcoy Arms Hotel im Herzen der Black Isle ist ganze drei Wochen alt.

In der Hotelbar erinnert sich ein Bauer an die Sätze eines Veterinärs in der Landwirtschaftsschule. Erstens: Die Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche lässt sich durch übliche Desinfektion nicht verhindern. Zweitens: Die Seuche ist eine Katastrophe für die ländliche Gesellschaft. Wegen der zu ihrer Eindämmung getroffenen Maßnahmen.

Alle leiden. Hoteliers, Bed-&-Breakfast-Ladys, Busunternehmer, Kleinhändler, Ladenbesitzer, Bergführer. Sogar eine Vertreterin für Autoersatzteile erzählt, ihr Geschäft sei drastisch zurückgegangen. Der Bauer kann eine jetzt unter der Oberfläche gegen seinen Stand siedende Erbitterung verstehen. Vor fünf Jahren, sagt er, verdienten die meisten seiner Nachbarn so viel, dass sie gar nicht wussten, wohin mit all dem Geld. Dafür sorgten die Hektarprämien der EU.

Auch auf dem Papier machten die Subventionen sie immer reicher. Die Landpreise sind grotesk überhöht, 5000 Pfund pro Hektar. Gegen solche Fantasiepreise verpfändeten die Farmer ihren Boden und kauften neuen Grund hinzu. Aber immer wurde gejammert, und immer machten sie im alten Trott weiter. Nichts als Rinder, Schafe und Gerste. Man muss ihnen natürlich auch zugute halten, sagt der Bauer in der Hotelbar lächelnd, viele von ihnen sind nicht sehr helle. Manche finden es schon schwierig, eine neue Gerstensorte anzubauen.

Jetzt stecken sie in der Bredouille. Das Frühjahrseinkommen durch den Bockverkauf ist futsch. Das zu einer Jahreszeit, wenn Saatgut und Kunstdünger bezahlt werden müssen. Manche Bauern sitzen mit drei-, viertausend Schafen fest. Und sie brauchen ihre Weiden für die neuen Lämmer. Der vergangene war der härteste Winter seit Jahren. Üblicherweise kommt das erste Gras Ende Februar durch. Jetzt, Ende März, sind die Wiesen immer noch braun. Die Bauern überleben durch Kontoüberziehungen. Das geht nur gut, solange die Banken mitmachen.

Die zwei Höfe, die Tom Robb verwaltet, zusammen 440 Hektar, das sind fast viereinhalb Quadratkilometer mit einem Wert von weit über zwei Millionen Pfund, erwirtschafteten letztes Jahr gerade noch einen kleinen Gewinn. Jetzt steht der Betrieb zum Verkauf. Und was wird aus ihm?

Er hoffe, sagt Robb, dass sich jemand finde, der die Höfe weiter landwirtschaftlich nutzen will und Verwendung für ihn hat. Viele Geschäftsleute kaufen Land, um Gewinne aus anderen Betrieben vor der Steuer in Sicherheit zu bringen. Für mich, sagt Tom Robb, ist das Bauerdasein ja das einzige Leben, das ich kenne.

Beamte kommandieren Bauern herum

Und wenn sich kein Käufer findet? - Er lacht höhnisch. Fragen Sie Tony Blair. Der will, dass wir uns alle um Jobs in Call-Centern bewerben. Das ist die einzige Industrie, die hier floriert.

Bei Charles Barcley frisst alleine der Pachtzins den größten Teil seines Einkommens auf, trotz der über 300 Rinder, die ihm geblieben sind. Wie seine Zukunft aussieht, darüber hat er sich noch gar keine Gedanken gemacht. Der Schock vom Vortag sitzt ihm noch zu tief in den Knochen. Ihm ging vor allem schwer gegen den Strich, wie die Schreiberlinge vom Landwirtschaftsamt ihn herumkommandierten und vor vollendete Tatsachen stellten, ohne jedes Wenn und Aber.

Jetzt rackert er erst mal weiter wie bisher. Zum Glück verdient seine Frau ein Zubrot. Sie ist Lehrerin.

Auch Bill Keith ist am Tag nach dem großen Schlachten noch ziemlich mitgenommen. Er habe kaum geschlafen, sagt seine Frau. Ganz elend sei ihm jetzt. So hat er sich das Ende seines Bauernlebens nicht vorgestellt. Dass er sich bald auf das Altenteil zurückziehen und den Hof an den Sohn übergeben würde, das stand ja schon vorher fest.

Ob sie glaube, dass die Tötungsaktion ihre Berechtigung hatte? Es hat wohl so sein müssen, erwidert die Bäuerin in gesetzten Worten. Und wenn wir in die Zukunft schauen, war es für uns wahrscheinlich ein Glück. Der Markt ist kaputt, und das Futter geht zu Ende. Sonst hätten wir die Schafe bald selbst erschießen müssen. Jetzt bekommen wir jedenfalls Kompensation.