Seit längerer Zeit haben japanische Regierungschefs eine mittlere Amtsdauer von nur eineinhalb Jahren. Der schnelle Wechsel hat der japanischen Wirtschaft insofern nicht besonders geschadet, als unter all den Premierministern keiner ein brauchbares Konzept zur Überwindung der Krise hatte. Ein neuer Premier mit einem umfassenden Reformprogramm wäre ein Wunder.

In den achtziger Jahren, in denen sich die Blasen (bubbles) der japanischen Aktien- und Grundstücksmärkte aufgebläht hatten, erkannten die Regierungen die darin liegenden Gefahren nicht. Seit Anfang der neunziger Jahre, seit beide Märkte zusammengebrochen sind, hat keine Regierung begriffen, dass die Krise sich inzwischen zu einer Vertrauenskrise der ganzen Nation ausgeweitet hat. Deshalb sind die gigantischen, defizitfinanzierten Konjunkturprogramme nebst Senkung der Zentralbankzinsen auf praktisch null Prozent wirkungslos verpufft.

Die politische Klasse ist es jahrzehntelang gewohnt gewesen, das Land und die Wirtschaft de facto durch die tüchtige Beamtenschaft in Tokyo regieren zu lassen. Ob im Finanzministerium, im Ministerium für Industrie und Handel ("Miti") oder im Außenministerium: Überall traf der Spitzenbeamte als "Stellvertreter" des Ministers die wichtigsten Entscheidungen

dagegen blieben die von der LDP (Liberaldemokratische Partei, eine konservative Partei) gestellten Minister unbedeutend - mit wenigen Ausnahmen. Weil aber die Beamtenschaft mit der bubble economy und ihren Folgen nicht fertig geworden ist, müssen nun die regierenden LDP-Politiker selbst die Entscheidungen treffen. Darauf waren sie nicht vorbereitet, und dafür fehlen ihnen Ausbildung und Erfahrung. Zugleich machen die Machtstrukturen innerhalb der LDP als praktisch ewiger Regierungspartei es deren reformerisch gesonnenen jüngeren Politikern nahezu unmöglich, sich durchzusetzen. Eine leistungsfähige Opposition, welche die LDP-Regierung ablösen könnte, ist nicht vorhanden. Das ist auch den Wählern klar, die im Sommer zu Oberhauswahlen aufgerufen sind.

Es wird deshalb einstweilen bei der wirtschafts- und finanzpolitischen Durchwurstelei bleiben, auch unter einem neuen Ministerpräsidenten. Diese Aussicht ist für Ostasien und für die USA, aber auch für die Weltwirtschaft insgesamt nicht sonderlich erfreulich. In Japan selbst werden jedoch wegen des Fleißes und der Disziplin der Arbeitnehmer die ökonomischen Verhältnisse erträglich bleiben

dabei wird der Vertrauensschwund eher zu weiterer Konsumzurückhaltung und zu einer noch höheren privaten Sparrate führen - Letzteres wäre zwar kurzfristig unerwünscht, langfristig aber gesund.

Was Japan nötig hätte, wäre ein durchgreifendes Deregulierungsprogramm (insbesondere müsste der Agrarprotektionismus beendet werden), mehr Transparenz in den großen Verbundkonzernen, Beendigung der alltäglichen formlosen Eingriffe der Bürokratie in die Wirtschaft durch ministerial guidance, Herstellung wirklichkeitsgetreuer Bilanzen der Finanzhäuser, effiziente Bankaufsicht - dazu Beseitigung der korrupten Partei- und Fraktionsfinanzierung (insbesondere Beseitigung der Symbiose zwischen Bauwir tschaft und LDP) und Reform des Wahlsystems, welches strukturell die LDP begünstigt.