die zeit: Versuchen Sie eine grobe Diagnose: In welchem Zustand ist der Patient Deutschland elf Jahre nach der Vereinigung?

Hans-Joachim Maaz: Am wichtigsten scheint mir, dass die Distanz zwischen Ost und West noch stärker gewachsen ist. Dabei lassen sich auf ostdeutscher Seite drei Phasen unterscheiden: Der anfänglichen Aufbruchstimmung und Euphorie folgten Ernüchterung und Enttäuschung. Und jetzt stellen wir fest, dass der Osten nach seinem Selbstwert sucht, getreu dem Motto: "Wir sind auch wer".

Darin liegt Trotz, und darin liegt zugleich die Botschaft: Wir sind anders als die Westdeutschen - und wir wollen auch nicht werden wie die.

zeit: Das könnte ein Umweg zur Annäherung sein, wenn sich künftig Gleich und Gleich gegenübertreten.

Maaz: Als Psychotherapeut hege ich diese Hoffnung, aber ich bin skeptisch, wie weit das in der Realität gehen kann.

zeit: Ist es wahrscheinlicher, dass die wechselseitigen Spottbilder kultiviert werden?

Maaz: Diese Gefahr besteht. Die Mischung aus Resignation und Apathie, genährt auch von der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung und der Entvölkerung, kann im Osten dazu führen, dass die Radikalisierung zunimmt. Das ist ja auch schon der Fall.