Wie so oft zerfließen Wirklichkeiten in Erinnerungen und werden Träume, deren sich die Fantasie bemächtigt. Ich sehe mich mit meinen Söhnen von der Pordoi-Spitze in den Dolomiten mit dem Paraglider hinunterfliegen über das Val Lastiz, vorbei an der schwarzen Westwand des Berges, durch die viele Kletterrouten führen, hinunter nach Canazei in das freundliche, warme, offene Fassatal. Ich sehe den Rosengarten und seine Vajolett-Türme, die ich mit meinem Segel das letzte Mal beim Fliegen fast gestreift hätte. Ich fliege und fliege wie ein Vogel und blicke auf die Marmolada mit ihrem Eispanzer und hoffe, dass ein Märchen in Erfüllung geht. Ich stelle mir vor, ich wäre damals rübergeflogen mit der warmen Thermik des Augusttages über den Gletscher, in den vor fast hundert Jahren im Ersten Weltkrieg Kaiserjäger ihre eisigen Unterstände gehauen haben. Ich bin wie im Fieber und segle über den Col di Lana, den ich so sehe, wie er vor der Sprengung mit 5000 Kilogramm Nitrogelatine ausgesehen hatte, ein grasiger ebenmäßiger Berg, übersät mit blauen Enzianen und gelben Bergastern. Ich fliege zurück und sehe plötzlich im Buchensteiner Tal Zehntausende von Menschen, Alpini und Kaiserjäger, wieder lebendig geworden, und höre sie gemeinsam das Lied der Berge, La Montanara, singen.

Der Schirm trägt mich weiter und weiter, und ich lande oben am Gletscher der Marmolada. Ein paar Nebelschwaden senken sich bis zum Gipfel und hüllen ihn teilweise ein. Eigentlich müsste ich weiterfliegen. Es kommt mir so vor, als zöge ein Gewitter auf. Es kann mir die Freude im Traum nicht nehmen. Aber die mit Elektrizität geladene Luft knistert, das Kribbeln ist im ganzen Körper zu spüren, und wie mit einer unsichtbaren Hand reißt es die Haare senkrecht nach oben. Neben lodernden Blitzen züngeln noch flüchtige blaue Elmsfeuer am trüben düsteren Himmel, und ich sitze lange unbeweglich und voller Angst im Schnee. Der Tod, denke ich, ist nichts Romantisches, deshalb brauche ich ihn nicht.

Bilderfetzen jagen vor meinen Augen Geschichte durch den Kopf. Mir schießt Berlin in den Sinn, für das ich als Regierungssitz gestimmt habe. Jetzt träume ich davon, dass es diese dumme Siegessäule nicht gibt, die dort herumsteht mit ihren eingelassenen Kanonrohren von Schlachten, die die Preußen gegen die Württemberger, die Österreicher und die Franzosen geschlagen haben. Plötzlich stelle ich mir vor, die alliierten Bomber hätten das ganze alte schöne Berlin stehen lassen, aber die Siegessäule und die ganze wilhelminische Architektur in Schutt und Asche gelegt - und die neudeutschen Monumentalbauten wie das neue Bundeskanzleramt, wenn die damals schon gestanden hätten.

Plötzlich reißt es auf. Die Sonne geht unter. Wie durch einen Zauber vertreibt der Nordwind den Sturm. Und von den letzten Sonnenstrahlen berührt, ragt der leuchtende Schneekegel der Marmolada in den blassrosa Himmel. Im Norden sehe ich die Zillertaler Alpen, von wo meine Vorfahren stammen. Im Westen schaue ich auf den Ortler, die Bernina und den Monte Rosa und sehe das Märchen von Europa, das Wirklichkeit geworden ist. Ich bin wieder wach und liege am Sellajoch auf einer Wiese und überlege mir, was eigentlich gewesen wäre, wenn nicht die Preußen, sondern die Österreicher die Schlacht bei Königgrätz gewonnen hätten? Ich komme wieder ins Träumen - die Weltgeschichte wäre anders gelaufen: kein Bismarck-Reich, kein Krater im Col di Lana, kein Versailles, keine Nazis, kein Auschwitz. Ich werde wieder hellwach.

Müssen jetzt die CDU-Leute schon sagen: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein? - Werden sie sonst zu Apostaten? Dabei haben wir doch immer wieder gesagt: Christ sein, Demokrat sein ist für unsere Identität wichtiger als nationale Selbstbefriedigung. Meine Träume sind oft zerklüftete Gebilde wie der Langkofel vor mir oberhalb des Grödnertals. Die Frage: Was wäre, wenn?

ist eine dem Traum immanente Frage, die sich immer dann verselbstständigt, wenn die Zweifel überwiegen. Aber es ist eine aufregende Faszination, die vom Unmöglichen ausgeht, und sie hat zusammen mit dem Unbekannten schon immer die Abenteuer der Menschen inspiriert. Was heute als unmöglich gilt, ist es vielleicht schon morgen nicht mehr. Und wenn ich heute in der Minderheit bin, kann ich morgen die Mehrheit haben - wie es schon oft so war. Ich komme ins Sinnieren. Mein Studium, meine Jesuitenzeit, meine politischen Ämter, meine Bücher, meine Kämpfe, meine Fantasien - ich bin offenbar kein typisch deutsches Produkt. Warum denken so viele Deutsche, auch meine Freunde, über Deutschland so ganz anders als ich?

Ich träume weiter. Wenn ich wieder jünger wäre, würde ich mich nicht mehr abhalten lassen, Klavier richtig zu lernen und zu spielen. Und in den Himalaya wäre ich gegangen, als die Routen noch leichenfrei waren und nicht alle hundert Meter ein Arm, ein Torso, ein eisgesinterter Kopf aus dem Gletscher ragte. Ich hätte den Buddhismus studiert mit seinem pulsierenden Universum und seinem zyklischen Geschichtsverständnis und seiner Vorstellung von Gott, dass nämlich das Göttliche in der Natur der ganzen Welt, auch in den einzelnen Dingen, anwesend sei und der Mensch als Teil dieser von Gott durchwirkten Natur durch Selbstbesinnung und Meditation die Einheit mit dem Göttlichen erlangen könnte. Und ich erfinde einen Gott, der nicht eine Person ist wie der Mensch, und gegen den man nicht die Faust erheben kann, weil er Auschwitz zugelassen hat. Mir fallen die Fundamentalisten in Afghanistan ein, die Ehebrecherinnen bis zur Brust in den Sand eingraben und dann mit Bulldozern plattmachen. Dann möchte ich Revolutionär werden und die Welt verändern und stelle mir vor, reden zu können wie Jesus, bei dem, als sie seine Worte hörten, die Scharen außer sich gerieten, wie sein Biograf Matthäus schreibt.