Skiverrückt. Seit mehr als sechzig Jahren steht der Professor aus dem Bayrischen Wald auf den Brettern, in der nächsten Saison feiert er sein 50jähriges Jubiläum als Skilehrer, kurz darauf seinen 70sten Geburtstag. Der Skisport hat Walter Kuchlers Leben geprägt - und umgekehrt: Walter Kuchler hat den Skisport geprägt. Er ist der wohl bedeutendste Wegbereiter des »neuen Skilaufs«, des »Carvens«.

Fast zwanzig Jahre dauerte sein Kampf. Das Ergebnis ist heute in jedem Skigeschäft zu besichtigen: Es gibt kaum noch »normale« Ski mehr zu kaufen. Statt der langen schmalen Latten stehen heute kurze, extrem taillierte Bretter in den Regalen, eben »Carver«. In jeder Skischule wird die neue Technik gelehrt, mittlerweile hat sie auch Eingang gefunden in die Lehrpläne des Deutschen Skiverbandes, der sich bis zuletzt gegen die Innovation gesträubt hatte.

Wie viele Pioniere war Kuchler lange Jahre als Häretiker verschrien. Als Leiter des Sportinstituts an der Universität Dortmund begann er Ende der siebziger Jahre in Aufsätzen und Büchern die Abkehr vom hergebrachten Stil zu fordern. Nicht mehr der Körper sollte mit komplizierten Gegendrehungen den Ski in die Kurve zwingen, der Ski selbst sollte die Kurven fahren. Ausgenutzt werden sollte die »eingebaute Kurve«, also die Taillierung des Ski. Die Vorteile lagen auf der Hand: Die Bewegung ist natürlicher, der Ski greift besser, weil er allein auf der scharfen Stahlkante durch die Kurve steuert.

Doch Deutschlands Skitheoretiker und -funktionäre wollten nichts davon wissen. 1981 stritt sich Kuchler mit der Lehrkommission des Deutschen Skiverbandes »bis aufs Blut« - und verlor: Der Lehrplan, verbindlich für den Unterricht an allen Deutschen Skischulen, wurde auf dem Wissensstand von 1971 eingefroren. Als Kuchler nicht aufhörte, die neue Technik und das neue Gerät zu predigen, wurde er aus der Kommission ausgeschlossen.

Ketzer Kuchler erhielt Hilfe von anderswo. In den 80er Jahren wurden die Kippstangen im Slalom eingeführt - die Weltcupläufer änderten ihre Technik. Ein Tüftler bei der Firma Elan baute einen ersten Carvingski, und prompt gewann Ingmar Stenmark 1984 mit dem neuen Brett. In den neunziger Jahren revolutionierte das Snowboard das Pistenleben. Vor allem die Jugend wechselte auf das Board und zerschnitt mit Carvingschwüngen die Pisten. Der Druck auf die Skiwelt wuchs. 1996 war es schließlich so weit. Auf der Internationalen Sportartikelmesse in München warteten plötzlich alle großen Skifirmen mit Carving-Modellen auf - die Schlacht war geschlagen.

Seither stößt Missionar Kuchler nur noch auf Bekehrungswillige. Die ZEIT-Leserreise nach Sölden steht sechs Tage lang unter dem Carving-Stern. 23 Teilnehmer werden von Kuchler trainiert - auf den Modellen der kommenden Saison. Diesen ersten »Verbraucher-Test« entwarf Kuchler gemeinsam mit ZEIT-Reiseredakteur Bernd Loppow. Im Herbst werden die Ergebnisse in der ZEIT, sowohl in der Print- als auch in der Internetausgabe, veröffentlicht.

Carven mit Walter Kuchler heißt sechs Tage Tuchfühlung mit fleischgewordener Skigeschichte. Kuchler kennt fast alle großen Männer des Skisports persönlich, sein Anekdotenvorrat ist unerschöpflich. Kuchlers private Skibibliothek umfasst 1700 Bände. Die Liebe zum Buch, die Neigung zur grundsätzlichen Auseinandersetzung führten ihn zunächst in die Theologie. In München promovierte er über den Ethos des Sports. 13 Jahre lang predigte er in seiner Gemeinde, bis er schließlich ins sportwissenschaftliche Fach wechselte.