12 Grad 58 Minuten Süd / 38 Grad 31 Minuten West

Land in Sicht! Als die Sonne kurz vor sechs über den Horizont lugt, sind an Backbord weit entfernt die bewaldeten Hügel im Süden der Ihla de Itaparica auszumachen. Das nördliche Ende der langgestreckten Insel und die angrenzende Bahia de Todos os Santos, die Allerheiligenbucht, ist jedoch nicht zu sehen. Noch nicht. Ein grauer, striemiger Vorhang aus Regenschleiern ist vor Bucht und Insel gespannt. Darüber türmen sich mächtige Haufenwolken auf. Als die Sonnenstrahlen die Wolkenkulisse streifen, wachsen wie von Zauberhand die beiden Enden eines Regenbogens aus dem Meer, um sich im Zenit eines perfekten Halbkreises zu treffen. So plötzlich wie er gekommen ist, löst sich der Schauervorhang auf - und schafft Platz für eine Wasserhose, die minutenlang zwischen der fast schwarzen Wasseroberfläche und den nicht minder dunklen Wolken tanzt.

Ein vollkommen anderes Bild bietet sich an Steuerbord vorraus. Dort erstreckt sich, auf den Hügeln einer Halbinsel, dem östlichen Ende der Allerheiligenbucht, das Hochhausgebirge der Zweieinhalbmillionenmetropole Salvador da Bahia. Man muss schon sehr genau hinsehen, um den schwarz-weiß gestreiften Leuchtturm und das Fort auf der Landspitze Punta de San Antonio zu erkennen. San Antonio, Santa Maria und die anderen Befestigungsanlagen im Halbrund der großen Bucht sind versteinerte Reminiszenzen einer blutigen und gewalttätigen Epoche des Kolonialismus und der Sklaverei. Für die aus Portugal kommenden Segelschiffe waren die, meist auf exponierten Felsen errichteten Gebäude Jahrhunderte lang die Landmarken schlechthin. Heute scheinen sie von den Wohnburgen im Hintergrund fast verschluckt zu werden.

Auf der Brücke greift Kapitän Martin Kull zum Schiffstagebuch: "6 Uhr 36. Ende der Seereise", so lautet seine lapidare Notiz. Nach 3.975 Seemeilen geht unsere Reise zu Ende. Für die letzten beiden Meilen kommt der Hafenlotse an Bord und dirigiert das Schiff bis zum Liegeplatz Nr. 5.

Dass das Ende dieser METEOR-Fahrt naht, war bereits gestern Nachmittag nicht zu übersehen. Je mehr sich unser Forschungsschiff der Küste näherte, desto häufiger tauchten Frachtschiffe und Tanker auf, zuerst im Radar, dann auch in Sichtweite. Und statt zwei- oder dreitausend zeigte das Echolot nur noch fünfzig Meter Wassertiefe an. Losgerissener brauner Tang driftete vorbei. Ein sicheres Anzeichen dafür, dass es bis zur Küste nicht mehr weit sein konnte. Auch einige Saveiros kreuzten unseren Kurs. Die Kutter mit ihren spitz zulaufendem Bugspriets, die den Booten eine ungemein elegantes und schnittiges Aussehen verleihen, waren unterwegs zu ihren Fanggründen.

Pünktlich zur nachmittäglichen Kaffeepause tauchten aus buchstäblich heiterem Himmel einige Maskentölpel auf, die das Schiff stundenlang begleiteten. Irgendwann im Lauf ihres Lebens müssen die großen Seevögel begriffen haben, dass es sich lohnt, in der Nähe von Schiffen nach Beute Ausschau zu halten. Dreißig Meter über dem Meer segelnd setzten sich die Tölpel vor den Bug der METEOR, den kräftigen gelben Schnabel meerwärts gerichtet. Immer wenn Fliegende Fische vor dem herannahenden Schiff Reißaus suchten oder allzu dicht unter der Meeresoberfläche schwammen, legten die gar nicht tölpelhaften Vögel reaktionsschnell ihre schwarzen Schwingen an, um sich pfeilschnell und elegant in die Tiefe zu stürzen, oft in letzter Sekunde noch eine kühne Drehung vollziehend. Sekunden später tauchten die Kamikaze wieder auf, meist mit ihrer Beute im Schnabel.

"Starboard ten!" dirigiert der Lotse unser Schiff um die Hafenmole herum. "Sie hätten zum Karneval hier sein sollen", sagt er und lacht zu Kapitän Kull hinüber. "Midships!". Einige Fischer paddeln ihre einbaumartigen Nachen um die Mole herum, während drüben an der Pier die kleine blau-weiße Fähre nach Itaparica ablegt. Hinter den angrenzenden Lagerschuppen steigt jener grüne Hügel an, auf dessen Plateau die Altstadt von Salvador liegt, das Pelourinho-Viertel, das wir heute Nachmittag erkunden wollen. 1985 wurde es, ziemlich herunter gekommen, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Seitdem wird das ausgedehnte, recht geschlossene Barockensemble grundlegend renoviert.