Nein, das konnten die Bürger unserer kleinen Stadt, weit im Nordwesten des Vaterlandes, nicht begreifen: Mitten im Advent 1950 wurden 17 angesehene Familienväter vor Gericht gestellt, und das nur, weil sie 12 Jahre zuvor die Synagoge in Brand gesteckt haben sollten! Dabei hatte man sie doch schon vor anderthalb Jahren freigesprochen ... Der Englischlehrer der Oberschule allerdings dachte anders darüber. Er rief seinen ehemaligen Schüler J. zu sich, der gerade bei der Lokalzeitung als Volontär angefangen hatte, und reichte ihm einen alten, schon ganz vergilbten Artikel aus der Times vom November 1938. Ein historisches Dokument - er möge das mal übersetzen und seinem Chef geben, damit der seinen Lesern schwarz auf weiß zeigen könne, welches Leid damals Nachbarn über Nachbarn gebracht und welch ungeheuerlichen Schaden zudem die eigenen Bürger dem Ansehen Deutschlands zugefügt hatten.

Feuereifrig machte sich Volontär J. an die Arbeit und eilte mit der Übersetzung stolz zum Chefredakteur. Aber der legte den Text gleich ungelesen zur Seite: "Ich werd's mir doch mit unsern Lesern nicht verderben!" Dann ließ er den Reporter für besondere Themen kommen, einen jungen ehemaligen Offizier in abgetragener Wehrmachtuniform, der gern über den Prozess berichten wollte: "Wurmster, ich will nur einen kleinen Zweispalter zur Eröffnung und einen etwas längeren zum Urteil. Sonst nichts!"

Der Volontär und sein Freund, der Schlussredakteur, waren tief enttäuscht. Sie hatten sich vorgestellt, jeden Tag werde dem Prozess eine ganze Seite gewidmet, mit Zitaten und Fotos - welch eine Gelegenheit, die wahre Geschichte des "Dritten Reiches" gerade auch am Beispiel der eigenen Heimat endlich aufzuklären! - Von den Hauptangeklagten, die natürlich alle nicht wussten, wer das Feuer gelegt hatte, wurden dann vier zu Zuchthaus- und vier zu Gefängnisstrafen verurteilt. Sie gingen in Revision, und bald darauf stand einer von ihnen schon wieder lächelnd als Verkäufer auf dem Gemüsemarkt unserer kleinen Stadt, als sei nie etwas gewesen.

Die Heimatzeitungen wurden alle erst seit dem Herbst 1949, also nach der Gründung der Bundesrepublik, wieder ausgetragen. Bis dahin gab es nur eine von den Briten beaufsichtigte Lizenzpresse. Im Impressum der wiedergeborenen Blätter - einige existierten schon seit dem 18. Jahrhundert - fanden sich die alten Namen, die auch zwischen 1933 und 1945 dort gestanden hatten. Oder aber die nun maßgebenden Herren waren, wie in unserem Fall, aus der Ostzone gekommen. Der Chef des Volontärs J., ein respektheischender Herr um die 50, selbstverständlich mit Schmiss aus der Studentenzeit, wirkte in seinem silbergrauen Mantel und der zuweilen schnarrenden Stimme wie ein Divisionskommandeur. Er war nicht nur der Redaktionsleiter, sondern regierte in Personalunion auch als Verleger über das Zeitungshaus im Herzen des Städtchens, Parterre die Redaktionsstube (für fünf Leute!), erster Stock die Setzerei, die Druckerei hintendran im Anbau.

Eine Zeit lang schien er auf dem besten Wege, der Pressezar der Region zu werden, indem er ein Lokalblättchen nach dem anderen einsammelte, die alle konservativ-national ausgerichtet waren. Schließlich weigerte sich nur noch der Herausgeber der kleinsten Zeitung. Bei einer Dienstfahrt mit dem Mercedes entfuhr es dem Chef am Steuer: "Wenn der jetzt nicht mitmacht, werde ich ihn vernichten!" Der Volontär zuckte zusammen: War das noch der Ton der alten oder schon der neuen, der heraufdämmernden wirtschaftswunderlichen Zeit? Am Ende wurde es dann doch nichts mit dem Presseimperium; denn der Verleger hatte sich in zu vielen Fällen allzu vertrauensselig auf Treu und Glauben verlassen, statt wasserdichte Verträge zu machen.

Eigentlich hätten wir den Krieg doch gewinnen müssen

Erst Jahrzehnte später erfuhr der einstige Volontär, dass bereits 1919 ein begeisterter Nationalsozialist die Heimatzeitung geführt hatte, der bis zum Mai 1945 ihr Chefredakteur geblieben war. Zwar hatte sich die Redaktion in der Weimarer Zeit zunächst noch als unabhängig getarnt, doch 1931, als die Nazis in unserer kleinen Stadt schon den Ton angaben, war dies nicht mehr nötig. Zumindest hier im Nordwesten zeigte sich ein großer Teil der Bevölkerung - bäuerlich, kleinbürgerlich, protestantisch - schon zu Anfang der Weimarer Republik antidemokratisch und deutschnational gesinnt. So gehörte beinahe die Hälfte der Lehrer am Gymnasium zum antisemitischen Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutz-Bund, der nach der Ermordung von Außenminister Walther Rathenau 1922 verboten wurde. Elf Jahre später trugen fast alle Lehrer das Parteiabzeichen der NSDAP.