Es war die Zeit der dummen Sprüche. "Wer nach acht Semestern seinen Doktor noch nicht hat, muss ihn selber machen", hieß einer davon. Außerdem waren Mittel für Stipendien reichlich vorhanden. Wer etwa ein passables Staatsexamen vorweisen konnte, bekam problemlos Geld von der Graduiertenförderung - 1000 Mark im Monat, zwei Jahre lang, nicht etwa auf Darlehen, sondern geschenkt. Und da sämtliche Bewerbungen für den Traumjob bei Tages- und Wochenzeitungen vergebens blieben, die expandierenden Universitäten aber jeden zum Professor machten, der es werden wollte, war die Karriereplanung eigentlich keine Frage - erst mal in Ruhe promovieren.

Am Anfang war durchaus Liebe zur Wissenschaft im Spiel, genauer gesagt, die Liebe zu James Harrington, einem alten englischen Gentleman, der sich - wie viele seiner Zeitgenossen - während der schlimmen Regentschaft des schrecklichen Oliver Cromwell in eine bessere Welt hineinschrieb. Seine Oceana galt es zu entdecken, eines der skurrilsten Stücke der politischen Weltliteratur. Doch das Leben hielt noch andere Entdeckungen bereit; unversehens verschlug es einen über den Großen Teich, wo es so abwechslungsreich zuging, dass sich die Begegnungen mit dem alten Herrn und seinem Werk auf gelegentliche Rendezvous im höchst stimmungsvollen Ambiente der Rare Book Collection der Washingtoner Kongressbibliothek reduzierten.

Und dann war der amerikanische Traum plötzlich ausgeträumt, die zwei Jahre Stipendium verbraucht. Die Doktorarbeit jedoch existierte allenfalls als ein Torso aus vergilbenden Zettelkastenschnipseln und unappetitlichen Buchexzerpten, mühsam zusammengehalten von wissenschaftlich wenig tragfähigen Thesen. Das Leben wurde arm und einsam: die früheren Freunde wer weiß wo, häufig schon im Beruf und auf den ersten Karrierestufen, die vertraute Uni inzwischen fremd wie ein ferner Planet und auf der Habenseite nichts als das Schuldgefühl über die vergeudete Zeit, die Schande, der Familie auf der Tasche zu liegen, und der tägliche trostlose Umgang mit einem gut 300 Jahre alten englischen Gespenst.

Unmerklich schlich sich Realitätsverlust ein. Und Selbstmitleid. Warum hört mir keiner zu, wenn ich so packend von Harrington erzähle? Weil mich keiner mehr liebt! Selbst der Doktorvater machte sich rar. Eines aber war immer klar: Aufgeben kam nicht infrage. Die Vorstellung, ein Leben lang diese Leiche unbeerdigt mit sich herumzuschleppen, war grausiger als das Leiden an der Gegenwart.

Und dann kam irgendwann vor dem endgültigen Absturz in die Depression der Entschluss, auf den abfahrenden Zug auch mit schwerem Gepäck aufzuspringen, rein ins Arbeitsleben, promovieren und volontieren gleichzeitig, in der Hoffnung, dass sich der zwiefache Druck wechselweise neutralisieren werde. Der Anfang bei der Regionalzeitung und der damit verbundene Realitätsschock war die Rettung. Es existierte tatsächlich noch eine Welt jenseits der Studierstube. Ein Jahr lang dauerte das Doppelleben: frühmorgens und spätabends wahlweise Die Stellung der Kunst im System des transzendentalen Idealismus oder Die geistigen Grundlagen des Allgemeinen Landrechts für die preußischen Staaten von 1794 und dazwischen Termine, Trubel, Hektik, Krach und vor allem Kollegen.

Die Redaktion wurde zur Ersatzfamilie. Alles war besser als die häusliche Horrorstrecke, sogar das Mobbing eines bösen Musikredakteurs oder die Anmache eines ruppigen Politikchefs nach dem Muster: "'ne Dissertation schreiben wollen und noch nicht mal 'ne dpa-Meldung redigieren können!" Am schönsten war es, als es am schlimmsten wurde - die Endphase der Prüfungsvorbereitung in der Redaktion der Seite drei: Texte schreiben, an denen man nicht zwei Jahre, sondern höchstens zwei Stunden sitzt, obendrein über Ereignisse, die man tatsächlich erlebt hat. Dazu Kollegen, die diesen Texten behutsam, aber beharrlich die akademischen Flausen austrieben ("Weißt du was? Das ist soo gut - das lassen wir weg"); und denen man zum Dank dafür freudig das Umschreiben misslungener Manuskripte abnehmen konnte. Denn etwas Nützliches hatte die Promoviererei schließlich doch gezeitigt: Wer einmal eine Nacht lang über dem Lehrgedicht des Parmenides, Vom Wesen des Seienden, zugebracht hat, schreckt vor keinem Text mehr zurück.

Und dann war es eines Tages geschafft. Übrig blieben eine hochgradige Nikotinabhängigkeit und natürlich der "Dr.", den man allerdings weder vor sich hertrug noch in einem Artikel duldete. Das nämlich hatte man beim Feuilletonchef gelernt: "Doktor schreiben wir nicht, Doktor sind wir selber." Mit anderen Worten: Nach der ganzen Aktion krähte kein Hahn mehr - mit einer Ausnahme. Rund zehn Jahre waren ins Land gegangen, als der Dekan der zuständigen Fakultät anrief und die Drucklegung des Werkes einforderte, ohne die niemand zum Führen des akademischen Titels berechtigt sei. Richtig, das hatte ich ganz vergessen.