Es gibt zwei Arten von Monografien: solche, die einen Autor der Vergessenheit entreißen, ja überhaupt erst bekannt machen, und solche, die eingefahrene Gleise der Rezeption verlassen und Sichtweisen korrigieren wollen. Das Novalis-Büchlein des Mainzer Literaturwissenschaftlers und Thomas-Mann-Experten Hermann Kurzke, das pünktlich zum 200. Todestag des frühromantischen Dichters in einer aktualisierten Auflage wieder verfügbar ist, gehört zweifellos zur zweiten Art. Der Autor will sich nicht an der Fülle der bekannten biografischen Daten oder an 200 Jahren Interpretationsgeschichte messen. Seine knappen, aber pointierten Ausführungen möchten lieber Schlaglichter auf bislang unterbelichtete Aspekte werfen und eine Neubewertung des Gesamteindruckes leisten.

In diesem Sinne versteht sich die Taktik der Erzählung, die sich manchmal in Details zu vergraben versteht, um dann wieder von einer abstrakten Warte sozialer oder psychologischer Gemeinplätze aus weite Felder des Werkes zu überschauen. Im Wechsel der Perspektive liegt aber die Stärke von Kurzkes Darstellung.

Schon der Anfang ist durch eine konzentrierte Betrachtung einiger Zeilen eines Gedichtes aus dem Heinrich von Ofterdingen bestimmt ("Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/ Sind Schlüssel aller Kreaturen..."), aus denen die Grundspannung des Denkansatzes destilliert wird: die Wendung gegen vernünftelnde Aufklärung, die Faszination durch die Kunst und die Sehnsucht nach der Vorzeit, die Hoffnung auf eine poetische, romantisierende Weltverwandlung, die Novalis zur Ikone eines Kultes der Schwärmerei, aber auch zur Zielscheibe des Spotts über "Tollhäuslerei", Schwindsüchtigkeit und Fantastik werden ließen.

Kurzke entwickelt aus diesem fundamentalen Gegensatz sein Anliegen: nämlich Novalis als Transzendentalpoeten gegen den Irrationalismusverdacht zu retten. Die Intention ist dabei nüchterner Natur und versucht, die phantasmatischen Denkfiguren in den sozialgeschichtlichen Kontext ihrer Entstehung einzubetten. So wird an die kleinstädtische Welt erinnert, in der Novalis, mit bürgerlichem Namen Friedrich von Hardenberg aufwuchs, in der er aber auch Größen der deutschen Klassik wie Bürger, Wieland oder Schiller begegnete. Kurzke erinnert an die pietistischen Einflüsse des Vaters, die für ein Verständnis der Tagebuchkultur vor allem nach dem Tod der Braut Sophie von Kühn von Bedeutung sind. Zusammen mit den Prägungen durch die Aufklärung wirken sie aller kritischen Auseinandersetzung zum Trotz etwa in den erzieherischen Ansätzen einer Selbstsorge fort.

Auf den Flügeln der Einbildungskraft

Mit dieser Ambivalenz, die sich im Charakterbild des Novalis verfolgen lässt und die Züge zugleich einer Lebenskraft und einer Schwärmerei, einer Weltoffenheit und einer mystischen Verschlossenheit, einer Beeinflussbarkeit und einer Willensstärke annehmen kann, ist man bei der zentralen These: Kurzke zufolge muss man Novalis als dialektischen Denker verstehen. Das schwärmerische, mystifizierende Element der romantisierenden Träumerei ist nur ein Moment im Gegensatzverhältnis zu dem, was Kurzke als Einfluss der Transzendentalphilosophie auf Novalis markiert. Gemeint ist damit die von Kant und Fichte begründete Position der Subjektivität, die als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis auch zur Überwindung der gegebenen Verhältnisse auf den Flügeln der Einbildungskraft fähig ist. Die Unterstellung solcher Idealwelten ist allerdings immer fiktional und muss in ihrem dialektischen Gegensatz zur Realität gesehen werden.

Kurzke schlägt daher eine verblüffend originelle Lesart der umstrittenen Aufsätze Glaube und Liebe und Die Christenheit oder Europa vor: Statt die Unterstellung ernst zu nehmen, das Goldene Zeitalter erfülle sich im Preußischen Königstum oder im mittelalterlichen Katholizismus, sollte man die Argumentation vielmehr als eine Art paradoxe Intervention lesen, die durch Übertreibung des Gegensatzes dem Ziel nahe zu kommen sucht. Im Sinne dieser Exzentrizität versteht Kurzke auch die bisweilen "frivole Intellektualität" des geistlichen Todeskultes, der dem Gegenteil, nämlich einem geistigen Überleben, dient. Die immer wiederkehrende Formel des Büchleins lautet folglich: "Wechsel der Felder", nicht nur als Abfolgeprinzip zwischen Leben und Tod, Logik und Leidenschaft, sondern auch zwischen Philosophie, Politik, Wissenschaft, Religion und Poesie.