Ich war selbst überrascht, wie kompliziert die Antwort ist. Und natürlich hat diese wichtige Frage wieder einmal kein Wissenschaftler so richtig systematisch untersucht.

Eins vorweg: Für alle praktischen Zwecke ist es im Grunde egal, wann man das Salz ins Wasser schüttet. Wenn es Unterschiede gibt, sind sie minimal. Allenfalls schonen Sie den Topf, wenn er nicht so lange dem Salzwasser ausgesetzt ist.

Aber es gibt Unterschiede. Wenn man Wasser salzt, dann sinkt die so genannte spezifische Wärmekapazität. Das bedeutet, dass man pro Gramm weniger Energie braucht, um die Lösung aufzuheizen. Und das Interessante ist: Auch wenn man berücksichtigt, dass die Flüssigkeit ja durch die Zugabe von Salz mehr wiegt, wird unterm Strich immer noch etwa ein Prozent weniger Energie gebraucht, um das Gemisch auf 100 Grad zu bringen. Das ist zwar schwer vorstellbar, aber die harten Zahlen beweisen es.

Moment, ließe sich jetzt noch einwenden, Salzwasser hat aber einen höheren Siedepunkt als ungesalzenes. Das stimmt, es kocht erst bei 101 oder 102 Grad. Aber auf diese Temperatur muss man ja auch das kochende Süßwasser noch bringen, nachdem das Salz zugefügt wurde. Insgesamt bleibt daher immer noch ein winziger energetischer Vorteil, wenn das Salz gleich am Anfang zugegeben wird; jedenfalls für alle Salzkonzentrationen, bei denen die Nudeln nachher noch genießbar sind.

Die Berechnungen zum Erhitzen von Salzwasser finden Sie in folgender Tabelle:


Konzen-
tration


c


mSalz


mgesamt


Wärme-
kapazität

0

1

0

1000

1

5

0,9389

52,6

1052,6

0,988

6

0,9282

63,8

1063,8

0,987

7

0,9179

75,3

1075,3

0,987

8

0,9079

87

1087

0,987

9

0,8983

98,9

1098,9

0,987

10

0,8892

111,1

1111,1

0,988

11

0,8804

123,6

1123,6

0,989

12

0,8718

136,4

1136,4

0,991

13

0,8634

149,4

1149,4

0,992

14

0,8558

162,8

1162,8

0,995

15

0,8481

176,5

1176,5

0,998

16

0,8407

190,5

1190,5

1,001

17

0,8338

204,8

1204,8

1,005

18

0,8271

219,5

1219,5

1,009

19

0,8204

234,6

1234,6

1,013

20

0,8142

250

1250

1,018

Zur Erläuterung: Die Tabelle berechnet die Energie, die zur Erhitzung von Salzwasser nötig ist. Wir gehen von einer Wassermenge von 1 Liter aus, dem dann Salz zugegeben wird. Die Konzentration ist in Prozent angegeben, dahinter steht die spezifische Wärmekapazität der Salzlösung in Kcal. Es wird eine bestimmte Menge Salz zugegeben (mSalz), um die entsprechende Konzentration zu erreichen, dadurch ergibt sich eine Gesamtmasse mgesamt. Multipliziert mit c ergibt sich eine Gesamtwärmekapazität der Lösung. Und die ist bis zu einer Konzentration von 16 Prozent kleiner als die des ungesalzenen Wassers.

Einschränkung: Die spezifische Wärmekapazität ist für eine Temperatur von 20 Grad angegeben. Mit steigender Temperatur ändert sie sich allerdings. Das ist in die Rechnung nicht eingegangen. Vielleicht hat jemand Lust, das nachzurechnen?

Ein Nachtrag zur Stimmt's- Folge Auf dem Siedepunkt (ZEIT Nr. 15/01), in der es um die Frage ging, wann man das Salz ins Nudelwasser geben soll: Vor lauter Rechnerei mit spezifischen Wärmekapazitäten hat unser Autor ein einfach zu formulierendes, aber wichtiges physikalisches Gesetz außer Acht gelassen: Den Ersten Hauptsatz der Thermodynamik. Und der besagt: Man hat in beiden Fällen vorher kaltes Wasser und trockenes Salz und nachher kochendes Salzwasser. Und die Energie, die man benötigt, um von einem Zustand zum anderen zu kommen, ist immer gleich, unabhängig davon, auf welchem Weg das geschieht. Im praktischen Versuch kochte übrigens dennoch das gesalzene Wasser schneller. Christoph Drösser

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de . Das "Stimmt’s?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Audio: www.zeit.de/audio