Sie ist aufgewachsen in Thorr, einem Kaff im Rheinland, das der Krieg eindrucksvoll verschonte, weil hier zwar eine Bombe auf die Dorfstraße klatschte, aber nicht hochging. 1965. Sie liebte ihre Jesus-Bildchen, weil der heilige Mann lange Haare hatte, was sie irgendwie erotisch fand, auch wenn sie dieses Wort noch gar nicht kannte. "Ich will Priesterin werden", sagt sie an einem Sonntag am Mittagstisch und sieht mit an, wie ihrer Mutter die Suppenkelle aus der Hand gleitet.

Das Purpurrot der Gewänder der Kardinäle wird ihre Lieblingsfarbe. Als sie 18 Jahre alt ist, steht sie inmitten von demonstrierenden Männern, die alle lange Haare tragen, und hält ein Schild in der Hand: "Keine Gewalt". Sie trägt ein rotes Käppi, betet für die Skandaleure, hört von Muff und Mief und muss an das öde Kaff denken, in dem sie heranwuchs. Allein die Kirche, ihre ganz persönliche Mitte, schließt sie als langweiligen Ort instinktiv aus. Sie ist 20, als sie am Augsburger Priesterseminar endlich als Studentin der Theologie zugelassen wird. "Ich bin die glücklichste Frau der Welt", kabelt sie in einem Telegramm an ihre Mutter, ohne eine Antwort zu erwarten. Doch die Mutter schreibt. "Hoffentlich schaffst Du das alles. Iss tüchtig."

Da ist dieser Junge. Paul. Er ist der Einzige, der sich seine Haare über die Ohren wachsen lässt. Er hat die kräftigste Singstimme von allen und hört, wenn er die Lithurgie einmal vergisst, in seinem Zimmer am liebsten The Doors. Sie mag ihn, fühlt sich angezogen, denn er bewegt sich so gut. Doch Maria hat ein Ziel: Sie will ganz nach oben, als erste Frau in den Vatikan. Sie verschließt sich allen Gefühlen, die sie spürt, wenn sie Paul ansieht, der mit seinen klaren, blauen Augen und den lockigen Haaren für sie etwas Engelsgleiches hat. Er sieht aus wie Jim Morrison, denkt sie. Riders on the storm ist ihr Lieblingslied. Er wird gehänselt wegen seiner Haare und seiner Kleidung: Hippie, sagt man zu ihm, "Mädchen" auch. Maria und Paul diskutieren viel, oft über die Wörter: "Tapferkeit", "Mut", "Maß", "Gewalt", "Toleranz", "Gleichberechtigung", "Freundschaft". Er respektiert sie und ist vielleicht der Einzige. "Mädchen als Priester? Da sei Gott vor", schreibt einer auf ihr Pult.

Man wirft ihr vor, sich Paul zu sehr genähert zu haben. Sie waren beobachtet worden, als sie sich an den Händen hielten. Sie schreibt in einem Brief an ihren Seminarleiter: "Ich bin ein disziplinierter Mensch, unterwerfe mich den Regeln gerne, dennoch bin ich eine dem Leben und den Menschen zugewandte Frau. Und so empfinde ich auch für Paul, fühle mich ihm freundschaftlich verbunden. Für mich ist es kein Zeichen von Schwäche, wenn sich Männer aus dem Priesterseminar verabschieden und sagen: Ich folge meinem Herzen und heirate. Ich glaube auch, dass mancher katholischer Priester heute nicht ehrlich lebt, weil er sich selbst untreu ist und eine unbedingte Liebe zu Gott vorgibt, obwohl er eigentlich die Keuschheit verdammt. Daher rühren vermutlich die immer wieder bekannt werdenden Skandale um die sexuellen Abgründe manchen Gottesarbeiters, die den Vatikan erschüttern." Für diesen Brief wäre sie beinahe exmatrikuliert worden.

Maria steht vor den Prüfungen, die ihr die Tür in die Seelsorgerinnenarbeit öffnen sollen. Man sagt ihr: "Ob du wirklich jemals Priesterin wirst, steht in den Sternen." Sie spürt diese Welt voller Zweifel und Ablehnung und leidet. Sie hört, dass ein Brief aus Rom unterwegs nach Deutschland sei, in dem über ihr Schicksal bestimmt werde. Sie betet jeden Abend für ihren Weg. Als das Telefon klingelt, ist da ein Mann am Apparat mit einer kehligen, rauhen Stimme. "Bleiben Sie zuversichtlich, Sie werden es schaffen. Ich unterstütze Sie." Sie fragt zurück: "Wer sind Sie?" Der Mann sagt: "Einer, der Ihren Mut bewundert." Maria behält diesen Satz im Kopf. Und auch diese Stimme.

Vechta. Frauengefängnis. Maria, die als Priesterin zugelassen wurde, ist inzwischen 40 Jahre alt. Sie ist Seelsorgerin im Knast. Sie trifft auf Mörderinnen, Räuberinnen und Betrügerinnen. Und auf eine Terroristin, die dort seit einiger Zeit einsitzt. 1991. Ihr wendet sie sich besonders zu. Sie reden über 68 und den Zusammenhang von gesellschaftlicher Veränderung und Gewalt, über Schleyer und Ponto, über Banküberfälle und Waffen. Über die DDR und die Mauer, über das Leben unter falschem Namen dort, über Väter, die als Nationalsozialisten dienten, über Willy Brandt und seinen Kniefall in Warschau. Die Terroristin verurteilt das dunkle Schweigen der Kirche. Maria sagt, sie habe sich vor Demonstrationen nie versteckt und werde Ungerechtigkeiten immer anprangern. "Du bist eine Ausnahme", sagt die Terroristin. "Du auch", antwortet Maria ihr und drückt ihr die Hand.

Maria wird Bischöfin in Berlin. Sie ist ein Medienstar wider Willen, reist mehrmals nach Rom. Sie bäumt sich öffentlich gegen das Verdikt des Vatikans auf, dass Schwangere unbedingt ihr Kind austragen müssen. Sie fordert Ausnahmen, schreibt ungezählte Briefe nach Rom, berichtet von vergewaltigten Frauen, die schwanger wurden, von jungen Mädchen, die die Verantwortung nicht tragen können, von Frauen, die mehrere Kinder haben und ein weiteres nicht mehr werden ernähren können. Man schickt ihr einen Kardinal nach Berlin, um die Unbequeme einzuschwören auf die Linie der Kurie. Sie bleibt hart. Findet aber sein Gewand faszinierend.