Belgrad

Der Frühlingsmorgen danach. Am Gefängnis blühen wieder die Bäume. Unter der Wildkirsche gegenüber stehen drei abgerissene Gestalten in Jogginghosen.

Sonntags ist Besuchszeit für normale U-Häftlinge. Für Slobodan Milosevic indes wird jetzt alle Tage Sonntag sein. Mira Markovic, seine Frau und Inspiratorin seit der gemeinsamen Schulzeit, darf kommen und gehen, wann sie will. So kann das letzte kommunistische Exherrscherpaar nach den Ceausescus ausgiebig die schöpferischen Früchte seiner politischen Vorfahren kosten. Das Belgrader Zentralgefängnis in der Bacbanska ulica ist nach 1945 von der Kominform, der Nachfolgerin der Kommunistischen Internationale, als größtes Gefängnis des damaligen Ostblocks für die Klassenfeinde geplant worden.

So sieht es immer noch aus. Wie ein stalinscher Staudamm mit Ziersäulen von Albrecht Speer. Das ist kein Wunder. Der Erbauer war ein deutscher Architekt.

Die jugoslawischen Partisanen hatten ihn unter ihren Kriegsgefangenen ausgemacht. Er musste seine Entwürfe einer sowjetisch-jugoslawischen Geheimdienstkommission vorlegen. Doch dann brach Jugoslawiens Partisanenheld und Präsident Josip Broz Tito mit dem Ostblock und wurde revisionistisch.

Deshalb gab es nicht mehr genügend Klassenfeinde, als der Bau endlich fertig war. Die Gefangenentrakte blieben stets halb leer - die Essensnäpfe auch.

Titos Chefideologe Mose Pijade kommentierte die Versorgungslage damals so: "Gefangene haben nicht zu essen, sondern ihre Rippen zu zählen."