Es war zu Zeiten der "Schmeichelpolitik", Anfang des 20. Jahrhunderts, da schenkte Kaiser Wilhelm II. dem amerikanischen Präsidenten ein Bronzestandbild seines kriegerischen Vorfahren, Friedrichs des Großen. Die Republik, seinerzeit irritiert ob deutscher Kolonialgelüste in Venezuela, war nicht geschmeichelt. Die Skulptur verschwand in der Asservatenkammer deutsch-amerikanischer Geschichte.

Zwei Weltkriege später sind wir in den USA nicht wesentlich beliebter geworden. Es gilt unter den alten Alliierten immer noch die Nato-Redensart, in den Worten Lord Ismays, "die Russen draußen, die Amerikaner drinnen (in Europa) und die Deutschen unten zu halten". Nichts berührte darum seltsamer als die sentimentale Eröffnungsfloskel, mit der Gerhard Schröder und George W. Bush vorige Woche ihre gemeinsame "Transatlantische Vision für das 21.

Jahrhundert" entfalteten: "Die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika sind durch eine tiefe Freundschaft verbunden." Aber, mit de Gaulle gesprochen, Nationen sind einander nicht durch Gefühle, sondern allenfalls durch gemeinsame Interessen und Allianzen verpflichtet. Amerikas Interesse an einer demokratischen und strategischen Stabilisierung Mitteleuropas beförderte vor einem Jahrzehnt die deutsche Wiedervereinigung, nicht so sehr "tiefe" Gefühle im State Department oder gar im Oval Office.

Das Rapallo-Gespenst schreckt niemanden mehr

Auch Deutschland hat Eigeninteressen. Wir haben uns allerdings daran gewöhnt, dass sie bisweilen als Ausdruck verspäteter Machtpolitik oder Großspurigkeit verdächtigt werden. Dabei liegt den übervorsichtigen deutschen Außenpolitikern nichts ferner. In Wirklichkeit müssten sie lernen, sich selbstständiger als bisher im Bündnisgeflecht Europas zu behaupten. Das längst verblasste Schreckgespenst "Rapallo" sollte Berlin nicht davon abhalten, neue Spielräume im jeweiligen Verhältnis zu Amerika und Russland zu öffnen. Konflikte werden dabei nicht ausbleiben. Es hat sie immer gegeben - kleine mit den Nato-Partnern, existenzielle mit der nun verblichenen Sowjetunion.

Dass sich Deutschland bei derlei Streitereien oft kleiner machte, als es war, trug ihm den Spott des realpolitischen Zynikers Kissinger ein: Wir seien wirtschaftlich ein Riese, aber "politisch ein Zwerg". Doch umgekehrt wär's weder ihm noch unseren Nachbarn recht gewesen. Nun wächst der Zwerg.

Wir hatten uns an die Rolle des gefesselten Gulliver in der übersichtlich organisierten Welt des Kalten Krieges gewöhnt und einen passenden Jargon dazu entwickelt, "Genscher- und "Kinkel-Speak", der vor allem eines besagte: Nur nicht anecken. Er wird inzwischen auch von Fischer beherrscht. Nicht jedoch vom Bundeskanzler. Der hat, wie nicht anders zu erwarten, nach zweijähriger innenpolitischer Mühsal die Reize der Außenpolitik entdeckt.