In László Földényis Buch über Kleist kommt Novalis einmal unter ferner liefen vor: Mit vielen anderen wäre Friedrich von Hardenberg ein "mystischer Deuter" der Liebe, also einer, der glaubt, zwei Menschen könnten in der Liebe eins werden. Unio mystica. Der Gegensatz dazu steht bei Kleist: In der Liebe verliert man den anderen genauso wie sich selbst. Von heute aus gesehen ist das unzeitgemäß, sprich: wahrhaft zeitgemäß, denn die heruntergekommene Romantik unserer Tage empfiehlt in Funk, Film und Fernsehen die Liebe als Allheilmittel. Die Verschmelzungsträume sind billig geworden, und der Rückblick in die Zeit, da sie noch teuer waren, lohnt sich mehr denn je.

Ja, für Novalis war die Liebe eine "synthetische Kraft", aber die Wirkungsweise dieser Kraft und die Vielfältigkeit ihrer synthetischen Leistungen sind in einem äußerst komplexen Netz von Wörtern bewahrt. Gerhard Schulz, einer der Editoren der kritischen Novalis-Ausgabe, hat für das Insel-Taschenbuch Novalis. Über die Liebe Texte ausgewählt, die das Weitreichende der romantischen Liebesvorstellung vor dem erstaunten Leser ausbreiten. Die besondere Qualität dieser Auswahl liegt in den Kommentaren, die die Texte des Novalis begleiten: Jeden Abschnitt ("Ich träumt als Knabe schon von Liebe", "Es kann kein Rausch sein", "Aber die Liebe fehlt", "Was du wirklich liebst, das bleibt dir" ...) hat Gerhard Schulz mit einer kurzen Einführung versehen, die Leselust und Verständnis steigern. Eine ausführliche und zusammenfassende Betrachtung des Herausgebers zu Novalis' Liebeslehre beschließt den Band.

"Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibt in mir, und Ich in ihm." Das ist die Darstellung des Abendmahls aus dem Johannesevangelium. Novalis hat sie in einer Hymne romantisiert, genauer: Er hat sie sexualisiert: "In himmlischem Blute / Schwimmt das selige Paar." Ich habe die Hymne bisher als eine eigenmächtige, poetisch selbstherrliche Obszönität missverstanden, die genussvoll das in der Religion versteckte lüsterne Potenzial bloßlegt. Jetzt weiß ich, dass eine solche Obszönität zumindest dem Novalis fremd war. Er glaubte im Ernst, die irdische Lust (von ihm manchmal treffend und in einem höheren Sinn orthografisch korrekt "irrdisch" geschrieben) sei einer der Statthalter Gottes auf Erden. Ist die (sexuelle) Umarmung nicht etwas dem Abendmahl Ähnliches?

Novalis' Lebensliebe bis in den Tod war Sophie von Kühn; sie starb fast als Kind, und sie starb unter großen Schmerzen. "Ich habe zu Söfchen Religion", schrieb Novalis, "nicht Liebe. Absolute Liebe, vom Herzen unabhängige, auf Glauben gegründete, ist Religion." Dieser Glaube umschließt die Anwesenheit, die Gegenwart einer Toten, und Novalis prüft sich selbst sehr genau, ob er dieser Anwesenheit auch gerecht werden kann, ob er der Gegenwart seiner Geliebten auch genügend inne ist. Dabei fällt immer wieder das schöne Wort "innig", und der Dichter notierte, wann diese Innigkeit bestand und wann sie ausfiel: "Den ganzen Tag war ich ganz ihrem Andenken heilig ... Jetzt schein ich ebenfalls kalt und in der Stimmung des Alltagslebens zu sein."

Dies ist ja der Sinn des Wortes "Romantisieren": sich den kalten Stimmungen des Alltagslebens zu entziehen und für die heiligen Momente dazusein, im sprichwörtlichen Sinn für sie zu leben. Die Liebe produziert solche Momente: "Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses." Aber wer Mut genug hat, wird auch zugeben, dass der Tod, vor allem der eigene, aber auch der Tod der wahrhaft Geliebten, dem Leben eine pathetisch konsumierbare Einmaligkeit gibt. In diesem Sinne ist der Tod romantisch, und es ist sehr schwierig, diese Romantik nicht als eine Artistenattitüde zu verstehen. Mir ist es, die Texte des Novalis meditierend, eine Zeit lang gelungen, ein solches Verständnis zu vermeiden; jetzt, während ich dies schreibe, weiß ich nichts mehr von meinem Glück, mit dem ich den Tod als eine Art Lebensberater in mein heiteres Wesen integriert habe.

Sophie ist nicht nur Religion, sondern auch Philosophie: "Im eigentlichsten Sinn ist philosophieren - ein Liebkosen - eine Bezeugung der innigsten Liebe zum Nachdenken, der absoluten Lust an der Weisheit." Es ist dieses Dreigestirn aus Liebe, Tod und Philosophie, das die Gedankengänge des Novalis erhellt. Die Philosophie ist die "Vollziehung eines unendlich wachsenden Selbstbundes", im Sinne von Fichtes "Ich", das nichts zu tun hat mit den narzisstischen Egos empirischer Subjekte; es schließt ja - als synthetische Kraft - das "Nicht-Ich" mit ein.

Gerhard Schulz (Hrsg):Novalis. Über die Liebe it 2703, Insel Verlag, Frankfurt/Leipzig 2001; 217 S., 14,90 DM