Bücher gegen die Globalisierung und den neuen Turbokapitalismus sind wie Science-Fiction-Romane. Sie berichten, wie die Mutanten über die Menschen kamen. Die Manager der internationalen Investmentfonds zum Beispiel, durch deren Hirnwindungen nur noch ein Gedanke passt: Profit! Oder die nicht weniger renditerünstigen Herrscher der Konzerne, deren Imperien mehr Geld erwirtschaften als so manches europäische Land, die aber kein Volk der Welt abwählen kann. Unheimliche Wesen sind das, vor denen die Menschen dieser Erde in banger Erwartung stehen und sich fragen: Was wollen die von uns?

Euch ausbeuten wollen sie, im Norden wie im Süden, wegrationalisieren und ins Elend stürzen: Das ist die Antwort der Antiglobalisierungsbücher. Der Terror der Ökonomie heißt eines der bekanntesten. Ende der neunziger Jahre erschienen, verkaufte es sich so gut wie wenige Wirtschaftsbücher seit dem Kapital. Die Autorin, Viviane Forrester, hat jetzt ein neues Buch geschrieben, Die Diktatur des Profits. Fast zur gleichen Zeit kamen drei weitere Bücher zum Thema auf den Markt: Globalisierung von unten von Maria Mies, Die offene Gesellschaft von George Soros und Politik ohne Macht von Niall Ferguson. Letzteres ist eigentlich gar kein Antiglobalisierungsbuch, man merkt das schon auf den ersten Seiten. Fergusons deutscher Verlag aber hat Titel und Klappentext nach Art des erfolgsträchtigen neuen Genres gewählt, und deshalb ist es interessant zu fragen: Warum lesen so viele Leute diese Bücher?

Die nahe liegende Antwort wäre natürlich: weil sie die Wahrheit sagen. Weil die Fiktion Realität ist und wir tatsächlich in einer Zeit leben, in der Menschen zu Wirtschaftssubjekten mutieren. Weil die Globalisierung nicht nur billige Turnschuhe und T-Shirts hervorbringt, sondern auch Elend und Armut. Wenn dem so ist, darf man sich nicht wundern, dass die Leute genauer Bescheid wissen wollen, was da auf sie zukommt.

Nun gibt es allerdings eine große Zahl von Wissenschaftlern, die glauben beweisen zu können, dass die Mutanten gar keine sind und die Antiglobalisierungsbücher ihren Lesern ganz grundlos Angst und Schrecken einjagen. Die so reden, sind die Ökonomen. Ihnen erscheinen weltweite Finanzmärkte und multinationale Konzerne als etwas, das sie seit Jahren erforschen. An jedem wirtschaftswissenschaftlichen Institut schreiben sie mathematische Gleichungen an die Tafeln, erwähnen Begriffe wie komparative Kostenvorteile oder Effizienztheorie der Finanzmärkte, ziehen einen Strich und bilanzieren: Die Globalisierung schafft Arbeitsplätze und Wohlstand. Dann hören sie von den Zehntausenden, die in Seattle, Prag und Davos gegen den weltweiten Kapitalismus demonstrieren. Von den Millionen, die die Antiglobalisierungsbücher kaufen, als wären es Perry Rhodan-Romane. Und sie fragen sich: Haben die denn alle keine Ahnung von Ökonomie?

Nein, das haben sie meist nicht. Na und? Viviane Forrester kümmert das nicht weiter. Sie liest Zeitung, hört Radio, erfährt, dass Renditen und Aktienkurse steigen, weil Arbeitsplätze gestrichen werden. Und schreibt, daran erkenne man "die Absurdität von Aussagen wie: Die Beschäftigung ist abhängig vom Wachstum, das Wachstum von der Wettbewerbsfähigkeit; die Wettbewerbsfähigkeit vom Umfang, in dem Arbeitsplätze gestrichen werden können. Das läuft auf die Aussage hinaus: Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gibt es kein besseres Mittel als Entlassungen!"

Die einen versprechen Reichtum, die anderen die Apokalypse

Viviane Forrester kommt aus Frankreich und war früher Literaturkritikerin. Ihr Buch Der Terror der Ökonomie ist ein 220-seitiges Pamphlet gegen den liberalen Glauben, dass es letztlich allen zugute komme, wenn jeder versucht, möglichst viel Gewinn zu erzielen, und wenn ihn der Staat dabei nicht stört. Die Diktatur des Profits ist nach dem Muster des ersten geschrieben, nur ein paar Szenen sind neu. In ihnen ruft Forrester zum Widerstand gegen die fremden Mächte auf, zum Kampf gegen das System des "Ultraliberalismus"; sie träumt vom Happy End.

Das verbindet sie mit Maria Mies, die meint, dass "es keine Alternative zu diesem Widerstand gibt, wenn es noch eine menschenwürdige Zukunft für uns, unsere Kinder und Enkel, für die Erde und alle unsere Mitlebewesen geben soll". Mies ist emeritierte Soziologieprofessorin aus Köln und eine der Vordenkerinnen der Antiglobalisierungsbewegung in Deutschland. Globalisierung von unten ist vor allem eine Beschreibung dieser Bewegung und eine Chronik der Proteste vor und nach der Tagung der Welthandelsorganisation in Seattle. Im Duktus der frühen Umweltbewegung schwärmt die Autorin von den Menschen an der Basis, in Indien wie in Mexiko, in Deutschland wie in Amerika, die sich solidarisch zusammenschließen, "gegen den Raubkapitalismus und die unbegrenzte transnationale Tyrannei der Konzerne". Dazwischen streut sie Sätze wie den, dass Freihandel überall, besonders aber im Süden, zu mehr Armut und Ungleichheit geführt habe. Mit solchen Aussagen, schreibt sie, wolle sie der Verdummung entgegenwirken. "Man sagt uns immer wieder, dass die globale Wirtschaft zu ,komplex', zu ,global' und daher zu ,undurchsichtig' sei. Man könne da nicht mitreden, wenn man nicht wenigstens Betriebs- oder Volkswirtschaft studiert habe."

Nun ist der Ursprung des Streits ja nicht das Mitreden, sondern das Widersprechen. Die Wirtschaftswissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass das Streben nach immer mehr Profit allen Menschen Wohlstand bringt. Die Autoren der Antiglobalisierungsbücher, die in der Regel keine Ökonomen sind, behaupten das Gegenteil. Das klingt ein wenig nach Vereinfachung, aber das kommt nicht von ungefähr. Beide Seiten geben sich wenig Mühe zu differenzieren. Die einen versprechen die Apokalypse, die anderen definieren die Mechanismen immer steigenden Reichtums. Dazwischen ist nicht viel.

Lässt man sich davon nicht beeindrucken und sieht sich die Welt als ganze an, dann verhält es sich so, dass man praktisch jeden beliebigen Zeitpunkt in der Geschichte der Marktwirtschaft wählen und mit dem heutigen Zustand vergleichen kann, um zu dem Ergebnis zu kommen: Der Wohlstand ist gewachsen; das Bruttosozialprodukt hat sich vervielfacht; der Prozentsatz jener Menschen auf der Welt, die mit dem Gegenwert von nur einem Dollar am Tag auskommen müssen, hat sich verringert. Die Zahlen sprechen also eine deutliche Sprache, und die Tatsache, dass trotzdem so viele Antiglobalisierungsbücher geschrieben und gelesen werden, könnte man so interpretieren, dass deren Autoren und Leser diese Sprache offenbar nicht verstehen. Demnach wäre die heutige Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern der Globalisierung vergleichbar mit der früheren zwischen Naturwissenschaftlern und katholischer Kirche. Damals waren die Menschen eingesperrt in einem Gefängnis des Glaubens, in dem nur sein konnte, was sein durfte. Erst die Aufklärung öffnete die Kerkerzellen, aber vielleicht hat sie ein paar vergessen, und womöglich sitzen in denen die Autoren und Leser der Antiglobalisierungsbücher und skandieren, es dürfe nicht sein, dass die Gier nach Geld dem Allgemeinwohl diene. Diese Interpretation würde ganz gut passen zu dem lauten und sektiererischen Ton, den Viviane Forrester und Maria Mies anschlagen.

Sie würde auch gut zu dem Buch von George Soros passen, obwohl der sich dem Leser ganz anders nähert, sachlicher, unaufgeregter, wissenschaftlicher. Soros, 70-jähriger, zum Kapitalismuskritiker gewendeter, überaus erfolgreicher Finanzspekulant, versucht, den Ökonomen den weißen Kittel herunterzureißen, zu demonstrieren, dass eigentlich sie die Unwissenden sind (in einem früheren Buch verglich er sie mit den Alchemisten). Die offene Gesellschaft ist ein Frontalangriff auf die Wirtschaftswissenschaft, aber nicht nur das. Soros versucht darüber hinaus eine Gegentheorie zu entwerfen, in deren Zentrum der Begriff der Reflexibilität steht. Damit bezeichnet er den Gedanken, dass die Erwartung bestimmter Ereignisse, zum Beispiel eines steigenden Dollarkurses, auf diese Ereignisse zurückwirkt und dadurch selbst zum Ereignis wird. Kein neuer, aber doch ein interessanter Gedanke, leider auch der einzige, auf über hundert Seiten breitgewalzt. Soros scheitert kolossal, und somit scheint einiges dafür zu sprechen, die Frage, warum so viele Leute die Antiglobalisierungsbücher lesen, damit zu beantworten, dass sie noch nicht aufgeklärt sind oder sich nicht aufklären lassen wollen.

Schaut man allerdings auf ein paar andere Zahlen, dann erkennt man, dass dies so nicht ganz stimmen kann. Es sind Zahlen, die den oben genannten Fakten keineswegs widersprechen, sie aber auf interessante Weise ergänzen. Mit der Befreiung der Marktkräfte in den vergangenen 40 Jahren sind die Menschen nämlich nicht nur wohlhabender, sondern auch ungleicher geworden. Wenn jemand 1970 einen Dollar am Tag zur Verfügung hatte, dann mag er heute auf, sagen wir, 1.10 Dollar kommen. Gleichzeitig aber haben diejenigen, die damals schon 100 Dollar am Tag hatten, jetzt ein Mehrfaches. Für die Wirtschaftswissenschaft ist das kein Problem, weil sie so angelegt ist, dass sie den Menschen als autonomen Buchhalter begreift, der nur seinen eigenen Kassenstand zum einen Zeitpunkt mit dem des vorherigen Zeitpunkts vergleicht. Die soziale Dimension der Tatsache, dass die einen um ein Vielfaches mehr haben als die anderen, die ethische Frage, ob dies ein gerechter Zustand sei, beschäftigt diese Wissenschaft kaum, auch wenn prominente Ökonomen wie der Nobelpreisträger Amartya Sen immer wieder darauf drängen.

Dafür beschäftigt sie umso mehr die Antiglobalisierungsbewegung, und zwar an ziemlich zentraler Stelle. Das von Forrester und Mies mit Ausrufezeichen versehene "Nein!" als Antwort auf die Gerechtigkeitsfrage ist ihr Antrieb - und es war der Antrieb fast aller sozialen Bewegungen in der Geschichte. Selten ging es um absolute, fast immer um relative Armut. Die Menschen begehrten weniger deswegen auf, weil sie nichts hatten, sondern weil andere mehr hatten, und oft war das sehr viel. Diese Spannung muss den Kapitalismus nicht zerreißen, aber sie reicht aus, Wut und Protest zu erzeugen. Oder eben Bücher.

Gegner und Befürworter des unregulierten Marktes reden also aneinander vorbei, und das schon seit Jahrzehnten. Kaum ein neues Argument findet sich bei Forrester, Mies und Soros. Das scheinbar neue Genre der Antiglobalisierungsbücher ist nur die moderne Variante des alten Genres der Antikapitalismusbücher. Vermutlich wird jemand in 10 oder vielleicht 20 Jahren ein neues Wort erfinden, und um dieses Wort herum werden neue Bücher geschrieben werden, in denen die Autoren dann wieder mit der Moralfaust auf den freien Markt einschlagen und Regulierungen fordern. Die Wissenschaftler werden das mit der Macht der Vernunft zurückweisen, und so wird es weitergehen, bis vielleicht irgendwann einmal klar wird, dass hier womöglich nicht Wahrheit gegen Lüge kämpft, sondern Wahrheit 1 gegen Wahrheit 2. Dass es also bei der Frage, ob man mehr oder weniger Markt zulassen will, nicht um Wissenschaft geht, sondern um Politik.

Nicht Marktkräfte, sondern Staatsmänner regieren die Welt

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Politik überhaupt noch die Macht hat, zu entscheiden. Das ist der Punkt, an dem man sich dem vierten und vielleicht wichtigsten der neuen Bücher zuwenden sollte: Politik ohne Macht von Niall Ferguson. Der Untertitel lautet Das fatale Vertrauen in die Wirtschaft, und gemeinsam mit dem Klappentext verstärkt er die Täuschung, hier habe noch einer darüber geschrieben, wie die Profitgier die Herrschaft übernahm. Im Original heißt das Buch: The Cash Nexus. Money and Power in the Modern World. Das klingt um einiges weniger festgelegt.

Tatsächlich hat der englische Historiker kein Buch über die Globalisierung geschrieben, sondern eher das Gegenteil: eines über die Überschätzung des Ökonomischen. Zu der neigen nicht nur Antiglobalisierer. It's the economy, stupid, der Glaube, dass das Geld, die Wirtschaft, den Lauf der Dinge bestimmt, ist längst zur weltweiten Einheitsmeinung geworden. So gesehen, sind Marktliberale nicht weniger "marxistisch" als Globalisierungsgegner. Sie unterscheiden sich nur darin, ob sie den neuen Herrscher für wohlwollend oder für verbrecherisch halten. Ferguson verfasst die Antithese zu beiden: Nicht Marktkräfte, sondern Staatsmänner regieren die Welt, mit all ihren unterschiedlichen Interessen und Egoismen. Seine Grundannahme lautet, "dass ... Sex, Gewalt und Macht einzeln oder gemeinsam wichtiger sein können als Geld, als das ökonomische Motiv". Im Mittelpunkt der Welt stehe der Mensch, der Homo sapiens, und der sei nun einmal nicht identisch mit dem Homo oeconomicus.

Ferguson verspricht, Antworten zu geben, die nicht so ermüdend einfach sind wie die der Ökonomen und Antiglobalisierer, für die der freie beziehungsweise der regulierte Markt die Lösung aller Probleme verheißt. Über die Suche nach diesen Antworten vergisst Ferguson leider die Fragen. Er erzählt, wie die internationalen Kapitalmärkte entstanden, schildert, wie sich die Weimarer Republik aus der Verschuldung zu retten suchte, beschreibt, wie sich die Regierungen der Welt auf den Goldstandard verständigten. Und versäumt darüber, die Indizien zu Kausalketten zu verknüpfen. Am gelungensten ist noch das Kapitel, in dem er zumindest für Großbritannien den "Mythos vom Wohlfühlfaktor" entzaubert, womit er die Behauptung meint, "dass die Entwicklung der Wirtschaft eine direkte Auswirkung auf die Wiederwahl einer Regierung hat". Abgesehen davon aber verirrt sich der Autor immer wieder im Gestrüpp der Fakten und hinterlässt so den Eindruck, dass die Geschichte mit den liberalisierten Finanzmärkten, dem Welthandel und überhaupt der Beziehung von freier Marktwirtschaft und Politik ziemlich verworren ist. Immerhin gelingt es ihm, das Gesamtbild wieder ein bisschen komplizierter zu machen, und das ist gar nicht so wenig in einer Zeit, in der viele Globalisierung sagen, wenn sie Vereinfachung meinen.

Ein Dummkopf, wer glaubt, es komme nur noch auf die Wirtschaft an.

Viviane Forrester:Die Diktatur des Profits Aus dem Französischen von Tobias Scheffel; C. Hanser Verlag, München 2001; 210 S., 35,- DM
Maria Mies:Globalisierung von unten Der Kampf gegen die Herrschaft der Konzerne; Rotbuch Verlag, Hamburg 2001; 256 S., 26,- DM
George Soros:Die offene Gesellschaft Für eine Reform des globalen Kapitalismus; aus dem Englischen von Bernhard Klöckner u. a.; A. Fes
Niall Ferguson:Politik ohne Macht Das fatale Vertrauen in die Wirtschaft; aus dem Englischen von Klaus Kochmann; Deutsche Verlags-Anstalt, München 2001; 464 S., 49,80 DM